Bewacht den Abgrund

Vergessen nimmt uns die Angst vor den Möglichkeiten der Politik. Es gibt nicht nur eine Schuld am Holocaust. Es gibt auch einen Auftrag. Dieser Auftrag lautet: Über das abstrakte Gedenken hinaus den Faschismus ganz konkret und ganz real zu verhindern. Wir sind durch jede Zeit neu herausgefordert zu sagen, was das bedeutet. Heute werden Naziparolen offen auf den Straßen gebrüllt, Synagogen angegriffen, Menschen gejagt, Todeslisten angelegt und CDU-Politiker hingerichtet. Was tun wir? Was tun wir, um den Faschismus zu bekämpfen?

Trotz aller Bemühungen: die Verfassungsfeinde sind zurückgekehrt. Sie haben ein Viertel der Wählerstimmen im Osten. Sie sind bundesweit bereits drittstärkste Kraft. Unter den Vorsitzenden sind Mitglieder der harten rechtsextremen Szene. Und auch die Verräter der Demokratie formieren sich schon. Der Holocaust war kein Ereignis der mythischen Vorzeit. Er war möglich. Er ist möglich. Und er bleibt möglich. Es gibt kein „damals", es gibt nur ein „dort": Einen Ort, an dem der Abgrund klafft und zwar für immer. Wenn wir diesen nicht ein für allemal schließen können, müssen wir ihn bewachen – auf alle Zeit. Die Geschichte lehrt, die Vorzeichen früh genug zu erkennen. Sie lehrt uns nicht, wie diese aussehen mögen. Seht die Bedrohung. Seht die Geschichte. Seht den Auftrag. Gedenken heißt kämpfen.

Seht die Menschen

Geschichte ist das Ergebnis von Politik. Der Holocaust ist das Ergebnis von Politik. Die schrecklichste Möglichkeit der Politik. Er ist das Trauma vom Ende der Aufklärung, des Fortschritts, des Idealismus und der Zeit an sich. Er ist das unentdeckte Ende der Geschichte. "Man kann einen Völkermord nur wirklich begreifen", so der Historiker Samuel Kassow, "wenn man erfährt und sich bewusst macht, was und wer vernichtet wurde." Die Opfer waren Menschen wie wir. Ihre letzten Botschaften könnten heute genau so geschrieben werden. Es sind Zeugnisse von Menschen mit Namen, Gesicht, Sehnsüchten und Hoffnungen.

Durch ihren Blick kann aus Gedenken Trauer werden. Trauer über das monumentale Erlöschen. Trauer um die Verbrannten. Die aus den Zügen geworfenen Postkarten, die in die Erde gescharrten, in Thermosflaschen versteckten Notizen – es sind die Schnipsel halbzerstörter Erinnerung. Ein Atlas der Individualität. Wir können diese Notizen wiederbeleben, weitergeben. Sie unterstreichen das gnothi seauton unserer Zeit: Seht die Menschen!

In der Tradition Emanuel Ringelblums legt das ZPS in zweijähriger Arbeit eine umfangreiche Dokumentensammlung in Buchform vor: "Wir möchten so gerne leben, doch man lässt uns nicht, wir werden umkommen. Ich habe solche Angst vor diesem Tod, denn die kleinen Kinder werden lebend in die Grube geworfen. Auf Wiedersehen für immer. Ich küsse Dich inniglich." Ihre Botschaften haben sie auf Postkarten aus den Deportationszügen geworfen, in Gurkengläser oder Thermoskannen vergraben oder in den doppelten Boden einer Schüsseln versteckt.

An die Nachwelt

Die letzten Nachrichten und Zeitzeugnisse von Opfern des 
Nationalsozialismus in einer bislang einzigartigen Sammlung. 
Gegen das Vergessen.

»Eine Diskussion ist jedenfalls besser als ein Vacuum. Empörung ist billig, Auseinandersetzung kostet etwas mehr. Also legt los.«

Deborah Feldman

Die Gedenkstätte gegen den Verrat an der Demokratie

Das Zentrum für Politische Schönheit hat die Asche der Ermordeten der Nazidiktatur ins Regierungsviertel überführt – an jenen Ort, an dem 1933 die Demokratie beseitigt wurde. Gegenüber dem Bundestag nahm die Vernichtung von Millionen von Menschen ihren Lauf. Auf dem Gelände der ehemaligen Kroll-Oper legte der Konservatismus die deutsche Demokratie in die Hände von Mördern. Nichts erinnert dort bis heute an diesen Verrat.

Bei aller Lust an neuen repräsentativen Bauten haben wir vergessen, den Ort des Verrats an der Demokratie zu markieren. Geschichte ist nicht nur Preußenblau. Die Gefahr einer faschistischen Machtaushändigung ist heute so real wie nie. Kreise des Konservatismus strecken schon wieder die Hände nach den Faschisten aus. Sie machen sich Gedanken, ob die AfD nicht doch ein guter Regierungspartner sein könnte. Es gibt eine rote Linie zu den Feinden der Demokratie. Der Konservatismus trägt nicht nur die historische Schuld, die Konsequenzen seiner Naivität, Leichtfertigkeit und Machtbesessenheit waren mörderisch. Verfassungsfeinde sind zu fürchten.

Die Geschichte hat uns etwas zu erzählen. Die Toten haben uns etwas zu erzählen. Der Verrat an der Demokratie muss uns etwas erzählen. Gedenken ist nicht abstrakt. Gedenken heißt Aufrütteln. Gedenken heißt Kämpfen. Wem das Mahnmal zu konkret ist, für den wurde es geschaffen. Die jeweils Gegenwärtigen sind verantwortlich für das Erinnern. Die Form dieser Erinnerung determiniert, ob wir die Fähigkeit besitzen, den Abgrund zuzuhalten. Die "Macht der Geschichte" hängt von unserem Gedenken ab. Handeln wir, ehe es zu spät ist.

»Es ist nun einmal so: der Faschismus wurde in allen Ländern dieser Erde, auch und vor allem in Deutschland, nicht durch den pöbelnden Mob eingeläutet, sondern durch die Eliten, die den Rassismus der Bevölkerung legitimieren und ihn im öffentlichen Denken, Sprechen und Handeln institutionell und systematisch verankern.«

Mely Kiyak (2017)

»Jüngere und Ältere können sich gegenseitig helfen zu verstehen, warum es lebenswichtig ist, die Erinnerung wachzuhalten. Es geht nicht darum, Vergangenheit zu bewältigen. Das kann man gar nicht. Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird anfällig für neue Ansteckungsgefahren.«

Richard von Weizsäcker (1985)

»Die Botschaft der dort geblieben muss durch die Jahrhunderte weitergegeben werden, auch wenn es keine Zurückgekehrten mit tätowiertem Arm mehr gibt, die diese Pflicht erfüllen.«

Internationales Auschwitz Kommitee (1958)

»Die Initiatorin des monumentalen Stelenfelds, Lea Rosh, hält die Aktion des ZPS […] für 'tiefer, als unser Holocaustmahnmal es ist'. Sie sei 'bewegt und angefasst' von der Idee und ihrer Ausführung: 'Es ist unglaublich.'«

Der Spiegel

»Der Auftrag der Toten lautet: über unser abstraktes Gedenken hinaus den Faschismus ganz konkret und ganz real zu verhindern. Wir werden durch jede Zeit neu herausgefordert zu sagen, was das heißt. Gedenken heißt kämpfen.«

Zentrum für Politische Schönheit

Der Weg an die Macht

Der einzig vorstellbare Weg an die Macht führt für die AfD über die CDU/CSU. Die Mahnung, nicht mit den Faschisten zu paktieren, sich nicht von ihnen dulden zu lassen (“Minderheitenregierung”), geht zwar an alle Parteien. Am Verdächtigsten sind aber historisch betrachtet die Konservativen. Wer könnte die Republik an den Faschismus verraten? Wer könnte die Republik im Austausch gegen Macht leichtfertig ausliefern? Konservative Parteien waren 1933 maßgeblich an der Zerstörung der Demokratie beteiligt. Der Untergang des Konservatismus verläuft in den immer gleichen drei Zyklen: Beschwichtigung, Leugnung, Selbstverleugnung. Das Beschweigen, Verharmlosen, Relativieren und Legitimieren muss aufhören. Es ist auch ein Denkmal gegen die historische und politische Relativierung.

Seht die Bedrohung. Seht die Ermordeten. Seht die Menschen. "Nie wieder" muss die Grundlage des politischen Handelns in Deutschland werden. Der Grund des Gesetzes. Was das Land wirklich bräuchte, ist ein Bundesamt zur fallspezifischen Früherkennung und Deutung gesellschaftlicher oder politischer Phänomene als Vorzeichen faschistischer Machtergreifung. Ein Großteil des Problems besteht darin, dieselben Entwicklungen als solche zu erkennen, zu sehen und zu artikulieren. Wenn es aussieht wie die NSDAP vor der Machtergreifung, wenn es brüllt wie die NSDAP und wenn es mordet wie die NSDAP, dann ist es vielleicht auch eine neue NSDAP.

Herr Aly, ist es wirklich so, dass sich bisher niemand um die Überreste der NS-Opfer gekümmert hat? Musste erst das Zentrum für Politische Schönheit die angebliche Asche von ihnen in eine Säule gießen?

Götz Aly: Ja, das kann man im Großen und Ganzen so sagen. Und vor allem handelt es sich hier auch nicht um angebliche Asche von NS-Opfern, sondern um tatsächliche Asche. Europa und auch Teile von Deutschland sind voll von diesen Massengräbern. Und um die hat sich keiner gekümmert.

Die deutschen Kriegsgräber für unsere Soldaten sind überall gepflegt, von Sankt Petersburg bis Kreta. Wo sich die sterblichen Überreste der Ermordeten aus den Lagern befinden, weiß man nicht. Da wird auch der Boden nicht gekennzeichnet. Das ist schon eine Art von Verdrängung, von "nicht wissen wollen".

Wir wollen es halt nicht so genau wissen, wollen es wegschieben. Das ist eben was anderes als ein gefallener Soldat im Krieg. Hier sollten die Menschen entpersonifiziert, zu einem Nichts gemacht werden. Und das geschieht tatsächlich bis heute.

Dieses Zeigen – hier sind die sterblichen Überreste von mindestens 10.000 Menschen oder mehr, die vergast oder erschossen wurden – müssen wir auf die Dauer auf uns nehmen. Deswegen finde ich es gut, dass das Zentrum für Politische Schönheit auf diesen Punkt aufmerksam macht.

Wie hoch ist die Gefahr, dass die Opfer für solch eine künstlerische Aktion instrumentalisiert werden?

Ich glaube nicht, dass das passiert. Wenn diese Gruppe sagt – "Okay, wir wollen sie dem Vergessen entreißen. Wir wollen diesen weißen Fleck der geschichtlichen Betrachtung bekannt machen. Wir wollen zeigen, was da im Verborgenen noch schlummert", dann finde ich das in jedem Fall berechtigt.

Quelle: mdr

»Ich weiß nur folgendes: die Nazis haben den Menschen in den Lagern gesagt, dass die Welt niemals mitbekommen wird, was mit ihnen passiert. Deshalb wurden diese Menschen erst zu Asche. Mein Großvater hat nie über den Holocaust gesprochen, aber es war ihm und zehntausenden anderen Überlebenden trotzdem wichtig, ein Testament in Yad Vashem zu hinterlassen und ihre Geschichten vor der Vergessenheit zu retten. Es ist einfach, Instrumentalisierung vorzuwerfen. Ist ein leerer Vorwurf. Natürlich instrumentalisierst du die Geschichten der Opfer, damit sie nicht aussterben.«

Shahak Shapira

»Du kannst nicht gleichzeitig die Vergangenheit aller gebührend erinnern und gleichzeitig die Gegenwart einbeziehen. Du brauchst einen Schockfaktor, um die Gegenwart einzubeziehen. Und für die jüdische Gemeinde ist unangenehm natürlich schlecht. Viele meiner Bekannten sind erstmal zu dieser Stele auch hingegangen um sich das selber anzuschauen. Und die, die dann hingegangen sind, sind zurückgekommen und meinten, das wäre eigentlich ziemlich beeindruckend und wäre genau das, was wir brauchen, weil es eine so unleugbare Wucht hat.«

Deborah Feldman

»(Ich erinnere) mich sehr genau, wie groß der Schmerz der Familie, insbesondere meiner Großmutter, war, dass das Schicksal meines Onkel nicht aufgeklärt werden konnte. Darüber, dass es kein Grab gab. Darüber, dass unklar war ob er anständig beigesetzt wurde, oder irgendwo in einem deutschen Wald unter dem Gras lag.
Ich bin froh dass eure Aktion auf die Menschen wie meinen Onkel hingewiesen hat und geholfen hat die unsichtbaren Spuren der Verschwundenen wieder sichtbar zu machen.«

Dean via facebook

»Is ne deutsche Aktion, zugerichtet auf 1 deutsche Reiz-Reaktions-Schema auf deutschem Kitsch-Niveau. Kunst-Aktion all right, aber das sagt eben noch gar nix über Qualität aus.«

Max Czollek

»Ich finde Euch großartig, habe gespendet und würde Euch als Historiker, Angehöriger von Holocaust Opfern wie auch als minimal denkender Mensch gerne umarmen und unterstützen.«

Anonym via E-Mail

»Das muss man erst mal schaffen: Eine Aktion so schlecht machen, dass Menschen wie ich, die 100% hinter dem eigentlichen Ziel der Aktion stehen, sie zu 100% ablehnen.«

Eliyah Havemann

»Doch es ist vorstellbar, so zu tun, als würde die öffentliche Schau der jüdischen Asche eine Erinnerungsfunktion erfüllen. Das hat wenig mit pietätvollem Gedenken
zu tun, vielmehr mit Selbstaufrüttelung der Täter-Nachfahren. In diesem Falle ohne
Rücksicht auf die Opfer und ihre Familien.«

Jüdische Allgemeine

»Schon zur Eröffnung des Holocaustmahnmals wendeten sich Juden gegen die Instrumentalisierung der Überreste von Ermordeten. Nach jüdischem Gesetz dürfen Leichenteile nur auf jüdischen Friedhöfen bestattet werden. Die Aktion des #ZPS ist vielleicht gut gemeint, aber grundfalsch.«

Dr. Meron Mendel‏ (Direktor der Bildungsstätte Anne Frank)

»Haben Sie Kinder? Haben Sie Eltern? Wünschen Sie diesen Menschen einen ähnlich furchtbaren Tod? Möchten Sie, dass die Überreste dieser Verwandten im Dienste irgendwelchen politischen Aktionen öffentlich zur Schau gestellt werden? Sind Sie überhaupt fühlende Menschen? Ich bezweifle es.«

Andreas K. via E-Mail

»Als Jüdin finde ich die Aktion super. Aber da sieht man mal wieder, dass man eben nicht alle Menschen mit Aktionen zufrieden stellen kann.«

neistein.giulia22 via Instagram

»Mir wäre eine Schwarz-Blaue Regierung tausend Mal lieber, als ein Ruch, der sich der Asche meiner Vorfahren ›annimmt‹.«

Stefan Joel Holfert via facebook

»So, here’s the big question: do Jews enjoy seeing the actual bones and ashes of Holocaust victims being put on display in Berlin (a Mecca for Israelis, by the way)? No, they don’t.«

jewishpress

»Ihr habt den Zapfenstreich abgesagt wegen Störung der Totenruhe? ... ähhhhhhhhhhhhh?? Als ob ein in der Gaskammer umgebrachter Mensch, dessen Reste willkürlich verteilt wurden, ruhen würde!! (...) Eure Aktion war großartig bis zum heutigen Tag der Absage der Zapfenstreichs! Nicht die toten Juden wurden instrumentalisiert, sondern Ihr habt Euch leider instrumentalisieren lassen. Ihr habt Euch weggeduckt vor dem von Euch so richtig benanntem gefährlichen Konservatismus und indem Ihr das getan habt, seid ihr zu dessen Instrument geworden. Oh, bin ich wütend! ›Sucht nach uns‹ war die richtige Aktion am richtigen Ort zur richtigen Zeit und hätte mir als Nachfahrin Überlebender des Holocaust gezeigt, dass wir Deutschen wirklich aus der Geschichte gelernt haben.«

Jenny via E-Mail

»Orthodoxe sprechen (wie überall) auch in Judentum nur für einen Teil der Gesellschaft.
Und (wie überall) stehen orthodoxe Menschen leider für einen meist reaktionären und rückwärts gewandten Teil. Die keine Veränderung und keine Entwicklung weg von einem zu reflektierenden Status Quo hin zu einem liberal humanistischen Miteinander wollen.
Auch wenn Eure Grundintention so damit umzugehen sehr gut ist, habt Ihr Euch doch der Masse der (auch jüdischen) Aufregungsbürger gebeugt.
In unserer Familie stehen alle (von jung bis sehr alt) hinter Eurer Aktion. Durchaus mit vielen Diskussionen, aber letztendlich sehen alle den Punkt. Nun haben jetzt endlich auch die von uns, deren menschliche Reste einfach verscharrt worden sind, die notwendige Aufmerksamkeit und Respekt bekommen, die sie verdient haben.
Danke.«

Rahel via facebook

»Selbst aus einer säkularen jüdischen Familie kommend kann ich die Argumente mit der Totenruhe schwer nachvollziehen, zumal eine solche für die Ermordeten, deren Leichen verbrannt wurden, ja nie bestand und man eine nicht existierende Ruhe ja nicht stören kann. Trotzdem finde ich es gut, dass Sie die Säule mit der Asche nun abdecken bzw. entfernen wollt, aus Rücksicht auf diese Gefühle und vor allem, weil Ihr eigentliches Anliegen von dieser Diskussion überlagert wurde, was sehr schade ist.
Ein Gutes hat die Sache aber auf jeden Fall: Wenigstens reden wir jetzt über die Asche der Ermordeten, was bisher im öffentlichen Diskurs ja nicht der Fall war. Das ist die Aufregung schon wert.«

Anonym via E-Mail

»Wir haben 2 Familienangehörige in Mauthausen verloren. Sollte ich jemals von Faschisten getötet werden und dazu noch auf so eine bestialische Weise, möge meine Asche auf die Treppen des Reichstags gestreut werden. Sodass jeder der ein und aus geht, ein wenig davon in seine Wohnung tragen möge! Ich kann ihren Ärger nachvollziehen, denke aber dennoch, dass diese Aktion meinen Vorfahren aufs Äußerste gebilligt worden wäre.«

Richard C. Schneider (Journalist, Autor, Dokumentarfilmer)

»Ich habe in der Tat noch nie darüber nachgedacht, wo die Asche eigentlich geblieben ist. Wir haben zwar vor Jahren einmal, bei einem Besuch in Auschwitz-Birkenau mit meiner Mutter, die dort das Grauen überlebt hatte, nach den Überresten der ermordeten Familienmitglieder gefragt, aber keine Antwort erhalten. Meine Familie, als direkt Betroffene, steht voll hinter Ihrer Aktion!«

Kommentar zur Aktion

»Meine Großmutter hat, um mit ihrer ermordeten Familie ›begraben‹ werden zu können, verfügt, dass ihr Körper verbrannt und die Asche verstreut werde in alle Winde. Sie war, Sie sehen, keine religiöse Jüdin. Aber sie wollte nach dem Tod wohl verbunden sein mit den Ihrigen und konnte sich keinen anderen Ort dafür vorstellen als den Nicht-Ort des Verstreutwerdens. Die Frage, wohin mit der Asche, erinnert mich daran.«

Sandra T. *anonymisiert via E-Mail

»Denke Würfel mit Asche und Knochen als Merch für Shoa-Denkmal-Aktion kannste nur geil finden, wenn du tief in deinem Herzen 1 unvollständig säkularisierte*r Christ*in bist.«

Max Czollek via twitter

»Juden mögen dieses Land und dessen Kultur selbstbewusst aufgebaut haben: von Kunst
bis zur Wirtschaft. Aber in Erinnerung bleiben sie als Asche. Nein, nicht die Errungenschaften der Toten werden ausgestellt, nicht die Gaskanister der Täter, sondern die Knochen der Opfer.«

Jüdische Allgemeine

»While many applauded the group for recognizing an error, others criticized it for backing down. For example, one user wrote: ›As far as I know about people, victims
prefer to be seen — although the selfish relatives might say something different now.
That’s why you should stand behind your actions.‹«

Haaretz

»Als Nachkomme von Holocaust Opfern finde ich die Aktion immer noch Klasse!«

Anonym

»Juden sind kein Kollektiv (…) Sie sind genauso vielfältig wie alle andere Gruppen. In meinen Kreisen habe ich keine wirklich aufrichtige Empörung erlebt. (...) Man steckt sich mit der Empörung auch ein bisschen an. Das ist auch unser Zeitgeist. Und es ist ja auch so, dass man das Gefühl hat, dass diese Aktion ein Ventil geworden ist für sehr viel unterdrückten Frust und Wut.«

Deborah Feldmann

»In der Familie (jüdisch und protestantisch) habe ich das Konzept
ausführlich diskutiert. Wir sind übereingekommen, dass ein scheinbarer
Tabubruch die eventuell notwendig deutlichste künstlerische Ausformung
des Protests gegen Vergessen der Opfer und Wiederhervorholen der
ideologischen Basis der Verbrechen sein kann.«

Sebastian via E-Mail

»Was ich eigentlich sagen wollte, als Nachfahrin von Holocaustopfern (und natürlich Überlebenden) fand ich diese Aktion berührend und schön und ich habe mich gefreut, dass es nun einen Ort geben könnte, wo ich einen Stein für meine Urgroßeltern und deren Geschwister sowie Nichten und Neffen niederlegen hätte können. Ich verstehe zwar rational den Diskurs um die Totenruhe, aber die Toten ruhen eh, egal ob in einem Damm oder mitten in Berlin unter den Lebenden!
Ich wollte euch nur schreiben, dass ihr auch Menschen erreicht habt, die dadurch nicht verletzt waren. Danke für die Aktion!«

Lara via E-Mail

»Ich gehöre zu denjenigen, die meinen, dass selbst wenn sich in der Berliner Stehle die Asche meiner Großmutter, meine Cousinen und Cousins und deren zahlreichen in Auschwitz ermordeten Kindern befindet, diese dort besser untergebracht wäre, als wenn sie anonym verscharrt bleibt. (...) Meine Familie, als direkt Betroffene, steht voll hinter Ihrer Aktion! (...) Sehr bedauerlich finde ich in diesem Zusammenhang allerdings auch, dass der gute Zweck hierbei ins Hintertreffen geraten ist.«

Gabriele via E-Mail

Moralischer Glutkern

Die Bundesrepublik fußt nicht auf dem Grundgesetz, sondern auf dem Versprechen: "Nie wieder Auschwitz". Grundlage aller Gesetzgebung und Politik muss das Bewusstsein sein, dass von diesem Land aus der Holocaust begangen und organisiert wurde. Dass er politisch möglich war. Die Säule ist ein Geschichtsreaktor, ein gigantischer Schrei, ein Zeugnis von Millionen vernichteter Menschen. Eine Eisenurne, als Warnung vor den Menschen. Eine überzeitliche Warnung vor dem Krater der Unmenschlichkeit, der politisch möglich bleibt. Wir leben in einer Zeit, in der auf den Straßen (schon wieder) Naziparolen gebrüllt, Synagogen angegriffen, Menschen gejagt, Todeslisten angelegt und Politiker hingerichtet werden. Die Tyrannei der Zukunft lässt sich frei wählen.

Die Asche der Opfer des Nationalsozialismus ist das Erbe dieser Republik. Ein Erbe, das nicht bewältigt werden kann. Es gibt nicht nur eine Schuld am Holocaust. Es gibt auch einen Auftrag: Was tun wir, um Faschismus zu bekämpfen? Gedenken heißt nicht diskutieren. Gedenken heißt handeln. Gedenken heißt kämpfen. Wie verhindern wir den Faschismus? Unser Gedenken ist zu abstrakt. Wir lassen die Erschütterung neu einrieseln in dieses Land, ganz konkret.

»Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es erkennen ›wie es denn eigentlich gewesen ist‹. Es heißt, sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt.«

Walter Benjamin

»»Die Asche der Vernichteten in der Nähe des Reichstages konfrontiert die Politik und uns mit den Folgen unserer Handlungen oder den Folgen unseres Nichthandelns.««

Berliner Zeitung

Wohin?

In der öffentlichen Debatte wurden Stimmen laut, die forderten: "Sofortiger Abbau!" Wir fragen: Wohin? Wo soll der Inhalt denn hin? Zurück in den Wald, in das Versteck, das deutsche Nazischergen vor 75 Jahren ausgehoben haben? Noch ein bisschen Erde drüber? Ist dann alles wieder "gut"? Verbrannte Überreste von Menschen, Religion unbekannt? Wo auf dieser Erde können diese Menschen ihre letzte Ruhe finden? Wo, wenn nicht am Anfang: dem Brachland der Kroll-Oper im Berliner Regierungsviertel.

Beachten Sie dazu die Interviews in Tagesspiegel und Berliner Zeitung mit unserem künstlerischen Leiter:

Deshalb wird es keine Aktionen zum Holocaust mehr geben

„Der Holocaust ist immer unser Ankerpunkt“

Aufgrund der Kritik an unserem Umgang mit der Asche und den Verletzungen, die nicht unsere Absicht waren, haben wir uns entschuldigt, die Asche der orthodoxen Rabbinerkonferenz übergeben und einen neuen Ansatz gewählt.

»Störung der Lebendigenruhe. Insofern gelungene Kunst.«

Friedemann Rothfuchs via facebook 

»Der Umgang mit echter, aufrüttelnder Kritik ist immer schwieriger geworden. Das gefällt mir nicht.«

Kay H. via E-mail

»Ich fand die Diskussion wichtig und es hat auch einige Abgründe bei mir selbst aufgezeigt. Ich muss zugeben, ich war selten innerlich so zerrissen wie in dieser Woche.«

Anonym

»Nein, Malerei ist nicht dazu da, um Appartements zu schmücken - Pablo Picasso.«

Kommentar auf ZEIT.de

»Kunst als Peitsche der Gesellschaft, so kann man es auch sehen.«

Wolle Becker via facebook

»Dieses Mahnmal als unethisch zu bezeichnen finde ich unethisch.«

flaming.er via Instagram

»Es wird soviel wie vermutlich noch nie über das Thema auf allen Kanälen diskutiert, und das ist gut.«

Dave Rakete via facebook

»Ja, jetzt ist sie weg! Was geschieht jetzt? Was wird aus der Stele? Die Machtergreifung in den Köpfen hat längst stattgefunden.«

Kay via E-mail

»Das ZPS ist eine Kunsttruppe dieser Zeit. Die Aufmerksamkeitsspanne ist kurz, wahrgenommen wird nur noch, was knallt. Was Besseres als das ZPS haben wir derzeit nicht verdient, auch wenn wir es bräuchten.«

matotope, Kommentar auf ZEIT.de

»Als einer der Angesprochenen nehme ich für mich die Entschuldigung an. Ich war sehr wütend auf und enttäuscht von euch. Eure Stellungnahme lindert nicht meine Empörung und den Schmerz, aber ich kann vergeben, wenn ich Aufrichtigkeit erkenne. Diese sehe ich hier.«

Thorsten D.

»Ich bin unendlich traurig über euren Schritt, euch zu verteidigen, Schuld und Fehler einzugestehen, euch den Schuh anzuziehen, der euch nicht passt! Ihr habt 2,5 Jahre an eurer Kunst gearbeitet, habt eine wissenschaftliche Abhandlung verfasst, habt die Opfer und ihren letzten Willen, nicht vergessen zu werden, ernst genommen, habt nach ihnen gesucht, habt viele dabei aufgeklärt, die noch nie darüber nachgedacht haben, was eigentlich mit der Asche passiert ist, habt – mal wieder – eine Debatte heraufbeschworen, in der nur wenige bisher zum Kern eurer Fragestellung vorgedrungen sind, vordringen wollten. Sollte der Konservatismus der Deutschen erneut die Steigbügel halten? Ist es das, was zu beweisen war? […] Ihr seid mit eine der letzten Bastionen, seid ihr gefallen?«

Jana via E-Mail

»Schade nur, dass das ZPS für das dauerhafte Einbetonieren der Säule
zweckgebundene Spenden eingesammelt hat. Deswegen wehrt es sich jetzt gegen
die endgültige Entfernung. Es geht wohl doch nur ums Geld.«

Eliyah Havemann

»Das Bezirksamt verlangt den Abbau, aber die Aktivisten weigern sich. Im Tiergarten
kann jeder machen was er will.«

BZ

»Es ist eine Einladung, Kunst als Wirkmacht zu begreifen. Sie kann in einem Klima helfen, in dem die politischen Talkshows versagen und sich ein seltsamer Mehltau über die Debatte gelegt hat, wie ein Zusammenleben als Zivilgesellschaft künftig ausschauen könnte.«

Patrick Wildermann (Tagesspiegel)

»Täglich trampeln Besucher in den Gedenkstätten darauf herum; bis zum Kaukasus finden sich tausende Massengräber, Leichenverbrennungsgruben, Ascheberge der Krematorien. Bei Bedarf werden sie überbaut und von Baggern durchpflügt.«

Götz Aly (Berliner Zeitung)

»Das ZPS kann sich, trotz eventueller Vorwürfe der Pietätlosigkeit, darauf berufen, dass es Opfern des Holocausts und Widerstandskämpfern wie dem 1944 ermordeten Salmen Gradowski, zu Lebzeiten noch gelang, Notizen zu hinterlassen, in denen sie die Nachwelt instruierten, nach ihrer Asche zu suchen und mit ihr das Gedenken an die Millionen Ermordeten wachzuhalten.«

Süddeutsche Zeitung

»Menschliche Überreste findet man heute noch überall. Unser ›etablierter Erinnerungsbetrieb‹ mit seinen pompösen Gedenkstätten und Kranzabwurfstellen und Busparkplätzen dient dazu, uns diese Toten vom Leib zu halten. Es ist eine Abstraktion, die zur Distanzierung einlädt. Aber die Toten sind alle noch da. […] Offenbar sind es Tote zweiter Klasse. Der Verein für Deutsche Kriegsgräberfürsorge hat 85.000 Mitglieder und pflegt die Gräber von über 2,7 Millionen gefallener Soldaten beider Weltkriege auf 832 Friedhöfen in 46 Ländern.«

Deutschlandfunk

»Im Kern hat das Zentrum für Politische Schönheit mit seiner Aktion eine Frage aufgeworfen, vor deren Beantwortung wir uns nur allzu gerne drücken. Denn die industrielle Vernichtung der europäischen Juden und anderer Bevölkerungsgruppen durch die Nationalsozialisten erfolgte keineswegs so rückstandslos, wie wir es uns allzu gerne vorstellen.«

Arno Frank (Deutschlandfunk)

»(S)icher ist, dass die Asche und die Überreste der Menschen, die von den Nazis ermordet worden sind, nicht würdig bestattet wurden, sondern sie wurden verscharrt. Und sie wurden verscharrt an Orten, die bis heute entweder unbekannt sind. Oder die Orte sind als Wege oder sonst etwas vorhanden, über die getrampelt wird. Und ich denke, wir sollten uns sehr genau überlegen – und dazu ist dies ein Anlass – wie wir damit umgehen.«

Wolfram Kastner

»Nach Einschätzung des Berliner Historikers Prof. Arnd Bauerkämper ist es Aufgabe von Museen und Gedenkstätten auch darzustellen, wie die Leichen der Opfer nationalsozialistischer Massenmorde beseitigt wurden. ›Dass man auf das Thema aufmerksam machen sollte, ist völlig richtig.‹«

Tagesspiegel

»Das ZPS plant seine Unternehmungen minutiös, da sind ausgezeichnete Logistik-Spezialisten und sicher auch Juristen am Werk. Und da wissen die Aktionisten sehr genau, dass sie die Totenruhe stören und Tabus verletzen. Das tun sie gezielt, darum geht es ihnen. Sonst würden sie andere Formen des politischen Protests wählen.«

Rüdiger Schaper (Tagesspiegel)

»Und die Frage, was damit geschehen soll, ist die eigentliche Frage. Dass es darauf keine Antwort gibt, verweist eindrucksvoller auf die Monstrosität des Geschehens, als in unserer ritualisierten Erinnerungspolitik vorgesehen ist. In einem Land, in dem noch immer jüdische Friedhöfe geschändet und Synagogen angegriffen werden.«

Arno Frank (Deutschlandfunk)

»Das Mahnmal war geschmacklos, die Mahnung aber offenbar angebracht.«

Klaus Leggewie (Berliner Zeitung)

»Die ›Widerstandssäule‹ erinnert nicht allein an die Opfer des Holocaust, sondern nutzt diese dringend nötige Erinnerungsarbeit zudem unter dem Motto ›Gedenken heisst kämpfen‹ für den konkreten politischen Widerstand gegen den Faschismus heute.«

Artmagazin

»Erst dieses unspezifische Braun, das dann zur großen Bedrückung wird, zur Masse, in der man plötzlich wirklich noch Knochen ausmacht, die man gerade eben nicht gesehen hatte. Oder nicht sehen wollte.«

Süddeutsche Zeitung

»Es ist völlig richtig, die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus in einer Zeit dem Vergessen zu entreißen, da in Deutschland wieder Anschläge auf Synagogen verübt werden.«

Gysi (Berliner Zeitung)

»Die Gedenkstätte zeige die historische Schuld der Deutschen, sich mit den Faschisten eingelassen zu haben. Das dürfe nie wieder geschehen.«

RBB24

»Der in Berlin zu besichtigende ›Bohrkern‹ führt uns vor Augen, was wir hätten sehen oder uns hätten denken können. Auschwitz, die systematische Vernichtung, hat Spuren hinterlassen.«

Arno Widmann (Frankfurter Rundschau)

»Wahrlich, von dieser Stele geht keine Gefahr für die Öffentlichkeit aus. Die droht von anderswo. Drum gelte wie gestern heut’, bis in alle Ewigkeit: Antifaschismus«

Neues Deutschland

»Wahrlich, von dieser Stele geht keine Gefahr für die Öffentlichkeit aus. Die droht von
anderswo. Drum gelte wie gestern heut’, bis in alle Ewigkeit: Antifaschismus.«

Karlen Vesper (Neues Deutschland)

»Die Tatsache, dass die Überreste der Ermordeten Hitlerdeutschlands
buchstäblich im Boden stecken, auch in Deutschland, dürfte für die meisten Deutschen neu sein.«

Silke Hohmann (Monopol Magazin)

»Wir brauchen ein anderes Erinnern. Kein leeres, kein ritualisiertes, kein durch Geschmacklosigkeit aufrüttelndes Erinnern. Sondern eines, das weder die Opfer noch ihre Nachfahren zu Instrumenten unserer Tagespolitik und zu Objekten verunglückter Kunstaktionen macht.«

rbb

»Die ideologische Verblendung dieser selbsterklärten Widerstandskämpfer ist
schwindelerregend.«

Hannah Bethke (FAZ)

»Den Totalitarismus, den sie [das ZPS] fordern, betreiben sie selbst.«

Südkurier

»Schon der Name zeigt, dass Politik und Ästhetik zusammengehören sollen. ZPS – das hat etwas Dadaistisches. Nach Surrealismus und Dada in den Zwanzigerjahren
kam das Totalitäre.«

Tagesspiegel

»Aber darüber zu sprechen, es zum Thema zu machen - das geht auch, ohne mit der Idee zur spielen, dass in einer Säule nahe dem Reichstag die Überreste toter Juden eingearbeitet sind. Durch die ZPS-Aktion werden die Opfer der Shoah doch wieder zum Objekt, entmenschlicht, ohne Mitspracherecht, zu Requisiten in einer Inszenierung.«

Spiegel Online

»Es ist erschütternd, dass heutzutage Künstler meinen, zu solch drastischen Mitteln greifen zu müssen, um auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen aufmerksam zu machen. Durch das bewusste  oder unbewusste Verletzen religiöser Gesetze von Minderheiten tragen sie zur Verrohung der Gesellschaft bei, vor der sie ja eigentlich warnen wollen.«

Stern

»Die Stele mit dem Aschekern in Berlin wird verhüllt und abgebaut. Die Website ist abgeschaltet. Die Verantwortlichen haben sich entschuldigt.
Die Aktion des "Zentrums für politische Schönheit" ist vollkommen verunglückt. Dennoch ist sie ein Lehrstück. Es darf allerdings bezweifelt werden, dass die Macher oder deren Unterstützer dies begreifen.«

rbb

»Flüchtlingsleichen, Juden, Nazis, dazu immer mal wieder einen kleinen Holocaust-Bezug – das ist ein Mix aus Show und Schock, der nicht aufgehen kann. Denn das gebrochene Tabu vereinnahmt jede Aufmerksamkeit, und der Schock überblendet jede Diskussion.«

Frankfurter Allgemeine

»Die Aktion des Zentrums für Politische Schönheit (ZPS) hätte demnach eine geniale Aktion sein können. Allein: Die Entfremdung des modernen Menschen vom Tod, und damit der Entkopplung von der Ewigkeitsfrage, war freilich nicht die Intention. Das ZPS beließ es bei makabrer politischer Agitation statt Kunst.«

Die Tagespost

»Auch, wenn wir provokative Aktionen in diesen Zeiten durchaus für geboten halten. Wir sehen ja, dass die politischen Gifte, die zum Nationalsozialismus beigetragen haben, wie das völkisch-autoritäre und antidemokratische Denken, Stichwort AfD, um sich greift. Aber das Schrille hat eben immer auch den unerwünschten Effekt, dass es sehr schnell verpufft und verraucht und dass man an den eigentlichen Sachverhalten vorbei diskutiert.«

MDR

Sensation: Franz von Papen wieder in Berlin!

Franz von Papen tauchte heute vor der Parteizentrale der CDU auf. Mit der Union wollte er über seine Erfahrungen reden, sich mit Faschisten einzulassen. Können Demokratiefeinde durch Macht domestiziert, demaskiert oder eingehegt werden?

Von Papen wurde nicht in die Zentrale vorgelassen, sondern von der Polizei abgeführt. Immerhin handelt es sich um Hitlers Ermächtiger, verantwortlich für Millionen Ermordeter in ganz Europa. Man müsse Demokratie gegen Verfassungsfeinde machen, sagte von Papen noch, nicht mit ihnen.

Die Mahnung, nicht mit den Faschisten zu paktieren, sich nicht von ihnen dulden zu lassen (“Minderheitenregierung”), geht zwar an alle Parteien. Am Verdächtigsten seien aber die Konservativen. Wer kann die Republik an den Faschismus verraten? Wer kann die Republik im Austausch gegen Macht ausliefern? Konservative Parteien waren 1933 maßgeblich an der Zerstörung der Demokratie beteiligt. Der Untergang des Konservatismus verläuft in drei Zyklen: Beschwichtigung, Leugnung, Selbstverleugnung.

So geht Erinnerungskultur: In Wallerfangen werden die konservativen Helfershelfer der Mörder mit Ehrengrab geehrt, über die verbrannten Reste ihrer Opfer rollen Autos.

»Was wollen sie denn? Ich habe das Vertrauen Hindenburgs. In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht.«

Franz von Papen

»LW-Recherchen bestätigen: Der Grabstein von Papens auf dem Wallerfanger Friedhof fehlt tatsächlich. Da, wo die etwa 130 Kilogramm schwere Steinplatte im Boden liegen sollte, klafft eine Lücke, nur die Platte seiner Frau Octavie ist noch zu sehen.«

Luxemburger Wort

»Und mit dem Ablegen von von Papens Grabstein soll nicht an Fehler bei der Aufarbeitung der Nazizeit erinnert werden. Das ist Vergangenheit, die kann man sowieso nicht mehr ändern. Nein, es soll für die Zukunft die CDU ermahnt werden, NIEMALS den Kardinalfehler zu begehen, den von Papen damals begangen hat, mit dem Teile der CDU heute in Bezug auf die AfD durchaus liebäugeln und der erst kürzlich in Italien durch die Cinque Stelle wiederholt wurde: ›In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht!‹«

Kommentar auf taz.de

Nie wieder

Unser SEK hat für die neukonzipierte Gedenkstätte über Nacht ein 4 Tonnen schweres Stahlbeton-Fundament mehr oder weniger unter den Augen der Polizei gegossen. Ein Statikergutachten liegt vor, damit die Standsicherheit auf 30 Jahre gewährleistet ist und für die öffentliche Sicherheit keine Gefahr ausgeht – im Gegenteil!

Es könnte einer der relevantesten Gedenk- und Widerstandsorte der nächsten Dekade werden: Ein Ort, an dem jeder Mensch, dem die Demokratie es wert erscheint, einen verbindlichen Schwur zu ihrer Verteidigung leistet. Auf der Säule prangt der Schwur aus dem Zivilgesellschaftlichen Zapfenstreich gegen die AfD. Wir wollen die Grundrechte bis aufs Messer verteidigen. Und wir alle wissen, gegen wen.

Der Schwur stammt aus der Anfangszeit der Demokratie (410 v. Chr.) und findet seine Bekräftigung in der Intoleranz von Art. 20 Abs. 4 des Grundgesetzes: "Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist." Diese Gewalt- und Notwehrrechte sind demokratisch radikal (von Art. 18 gar nicht erst zu sprechen).

»Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.«

Grundgesetz Art. 20 Abs. 4

»Nieder mit der Barbarei in der Gestalt Hitlerdeutschlands!«

Die Flüsse Weichsel / Sola

Damm bei Harmense

Nordhausen

Waldfriedhof Chelmno

Die Verbrannten liegen überall

Wo ist die Asche der Ermordeten Hitlerdeutschlands? Wo liegen die Millionen Opfer des deutschen Faschismus? So unglaublich es klingt: Die Getöteten, die Verbrannten, die Verscharrten liegen 74 Jahre nach den NS-Massenmorden immer noch überall herum. Auch in Deutschland. Sie sind mitten unter uns. Vor ihrem Tod schrieben sie: "Suchet weiter! Ihr werdet noch mehr finden!" Das schreibt Salmen Lewenthal am 15.8.1944 in einen vergrabenen Brief. Salmen Gradowski (getötet 1944): "Teurer Finder, suche überall, auf jedem Zollbreit Erde. Suchet in der Asche. Die haben wir verstreut, damit die Welt sachliche Beweisstücke von Millionen von Menschen finden kann." Filip Müller berichtet in Lanzmanns Shoah: "Wir haben dafür gesorgt, dass die Welt sich in diese Erde graben würde."

Sie flehten: Sucht nach uns! Sie nahmen an, die Welt würde sie finden. Ihre Asche wurde in Dämmen verbaut, auf Feldern verscharrt und in Flüsse verkippt. Wir haben nach ihnen gesucht. Dort, wo es kein Grab und keine letzte Ruhestätte gibt, sondern nur Unruhe- bzw. Hinrichtungsstätten – verscharrte Überreste, angekohlte Glieder, Finger, Hände, Teile von Armen, Beinen und Füßen, Torsos von Rümpfen und Beckenknochen. Wir haben an 23 Orten 248 Bodenproben genommen und in Labore geschickt. In 175 der Proben fanden sich Hinweise auf menschliche Überreste. Die ungewollten Unruhestätte, von der Welt völlig vergessen, vom deutschen Staat nie gesucht, von der Öffentlichkeit verdrängt. Es gibt Tausende davon. Seit einem Dreivierteljahrhundert hätte man nach ihnen suchen müssen.

»Für gefallene Soldaten werden abertausende Euro ausgegeben um mit Schülern Schlachtfelder zu exhumieren und Grabfelder anzulegen. Passierte sowas mit der Asche der NS-Opfer? Nein.«

Stefan via E-mail

»Ich war mir nicht einmal bewusst, dass es Asche von den Millionen Opfern gibt, die in der Landschaft herumliegt, zu Baumaterial gemacht - und nicht einmal gewürdigt wird. Die Opfer der Nazis werden bis heute nicht gewürdigt - sie sind in immer noch anwesend - das ist unfassbar. Das ist der eigentliche Skandal.«

Wahida Azhari via facebook

»Fordert an dieser Stelle bitte nicht ›Es passiert zu wenig‹, denn das bekommen vor allem diejenigen zuständigen Archäologen ab, die total unterbesetzt und unterfinanziert sind. Fordert eine angemessene Finanzierung dieser Arbeit, denn sie läuft viel zu häufig nebenbei, und ab und zu mal und Leute, die sich dafür wirklich qualifizieren, finden zwar jede Menge Arbeit, aber niemand, der sie bezahlt.«

Eine Archäologin via E-mail

»Es war das eindrucksvollste Mahnmal, dass ich je gesehen habe. Und ich habe dass nicht gewusst - dass mit den Dämmen und dem Straßenbau und überall verstreut. Hier wurde Opfern ein eindrucksvoller Ort geschaffen. Als ich davon gelesen habe, habe ich gezweifelt. Als ich dort war, nicht mehr…«

Edith via facebook

»Warum ›empört‹ sich eigentlich niemand über jüdische KZ-Gebeine unter Kartoffeläckern? Oder über Waldstücke voll verscharrter Knochen aus Massenexekutionen? Zu anstrengend? Da müsste ›man‹ Arbeit reinstecken? Dann doch lieber Aktivisten diffamieren. Geht bequem vom Sofa aus! #ZPS«

Myriam Frank

Der Damm bei Harmense

In den Harmense umgebenden Teichen mit einer Fläche von 380 Hektar wurde nach der deutschen Invasion mit der Fischzucht begonnen. Die Historikerin Anna Zieba schreibt in ihrem 1970 erschienen Aufsatz: »An der Grenze des Dorfs Harmense und Plawy schütteten Häftlinge aus Asche einen Damm auf.«

»Wir sehen tonnenweise menschliche Überreste, verbrannt und zerstampft, verstreut in Wäldern, verklappt in Gewässern, aufgeschüttet zu Dämmen. Es ist den Mördern eben nicht gelungen, diese Überreste vollständig verschwinden zu lassen. Sie sind vielleicht das eigentliche Mahnmal für den Holocaust.«

Deutschlandfunk

Die Wege der Asche

Wir haben Teile unserer umfangreichen Vorrecherchen für die Wissenschaft zugänglich gemacht. In dem Beitrag "Die Wege der Asche" geht es um eine quellenkritische Chronologie für das "Interessengebiet Auschwitz". Laut dem Historiker Götz Aly handelt es sich um den ersten Text, der das Thema systematisch aufarbeitet.

»Der Regen legte also den Boden frei, und überall kamen weiße Knochensplitter heraus. Wir standen auf Asche. Wir standen auf menschlichen Knochen. Inzwischen ist der Humus wahrscheinlich etwas stärker geworden. Es gibt gepflegte Wege, offizielle Gedenkstätten, und die Überreste sind verschwunden. Und da sage ich: Da stimmt etwas nicht.«

Götz Aly, MDR

Nordhausen, Thüringen

Historische Bilderrecherche: Auf einer leichten Anhöhe über dem Häftlingslager liegt das erst im Herbst 1944 fertiggestellte Krematorium mit Sezierräumen und Verbrennungsöfen. 5.000 Leichen wurden hier verbrannt. Die Asche wurde den Abhang hinuntergekippt.

»Ich denke, es wäre sehr notwendig und sehr sinnvoll, dass man sich in diesem Lande darüber unterhält, wie man mit diesen Resten der Menschen umgeht, die auf brutale Art und Weise von den Nazis ermordet wurden?«

Wolfram Kastner im Interview mit br

Waldfriedhof Chelmno

»Was das Zentrum für politische Schönheit tut, soll provozieren, ist aber nur geschmacklos, taktlos und pietätlos. Falls die ›Wiederstandssäule‹ tatsächlich mit der Asche von Holocaust-Opfern gefüllt ist, wäre das Störung der Totenruhe und Missachtung der jüd. Begräbnisregeln.«

Charlotte via facebook

»Denn auch, wenn die Millionen Opfer der Nazis nun in historischen
anthropogenen Sedimentschichten für ewig vereint sind, waren sie alle
vor einem Menschenalter noch Individuen mit völlig verschiedenen
Glaubensgrundsätzen, politischen Meinungen, Wünschen, Hoffnungen und
Ängsten.
Sie in einem antifaschistischen Knochenbrei zu vermengen verbietet sich.«

Martin via E-Mail

»Während sich eine breite Öffentlichkeit reflexartig um die Totenruhe sorgt und offenbar nicht mehr an die Millionen Toten in der Landschaft erinnert werden möchte, distanziere ich mich auf das Schärfste von eurem Schwur, die Feinde der Demokratie TÖTEN zu wollen! Welcher Ungeist hat euch befallen? Wollt ihr selber zu Mördern werden? Fordert ihr die Todesstrafe?«

Bernhardt via E-Mail

»Die Asche der Getöteten vor unserem Parlament, ich glaube, es kann kaum etwas Eindrucksvolleres und Eindrücklicheres geben.«

Patricia

»Es ist doch absurd, dass alle sich über die Asche empören, und selbst darüber nachgedacht haben, dass sie überhaupt existiert. Man sollte ein würdevolles Ritual dafür finden. Und was ist falsch daran ein Denkmal zu setzen? Es geht doch nicht darum das ZPS zu loben, oder niederzumachen. Es geht darum zu horchen und den Klang, der aus dieser Asche emporsteigt zu hören.«

Ariella Hirschfeld

»Verbal wurde von einer Partei im Bundestag jegliche Pietät vergessen und plötzlich schreien alle nach Pietät und für die ›Totenruhe‹. Das ist eine kontroverse aber makabere Aktion, aber Kunst muss verstören.«

adahgio

»›Letting the dead rest‹ is synonymous with ›forget the dead.‹ This is especially true in this day and age, where so many survivors, even children of the survivors, have grown elderly and died, the mass graves have long since grown over, and our memory and attachment to the event is fading. People say the monument ›ugly.‹ They are correct. But the Holocaust was ugly. They seem to want us to remember an ugly, viscous event with peaceful graveyards and pleasant fields; as if the deaths of Holocaust victims are comparable to those deaths by age, accident or hereditary disease. I disagree with many of your actions but this is a badly needed, ›truthful‹ monument. We need more pieces like it, not less.«

Anonym via E-Mail

»Unsere Grundwerte sind erneut in höchster Gefahr, die Demokratie wackelt enorm durch jede auch nur gedankliche Handreichung an die Nachfolger. Ihr öffnet Seelen und Herzen und damit ein neues Kapitel nicht nur der Aufarbeitung. Vor allem des neuen Verhinderns. Meinen tiefen Respekt für Euch!«

Bettina Jung via facebook

»Ich kann das ZPS @politicalbeauty verstehen. Die sind verzweifelt, weil um sie herum alle nur mit den Schultern zucken, während ganze Bereiche des gesellschaftlichen Lebens nach rechts und weit rechts rücken. Sehenden Auges, und das, obwohl alles in den Geschichtsbüchern steht.«

derFalkeBlog

»Vor Jahren wäre mir so etwas makaber und übertrieben vorgekommen, jetzt trifft es den Zeitgeist. #noAfd«

Holger Hinz

»Gerade in Zeiten, wo die ›Leitmedien‹ über den Parteitag der AfD berichten, als wäre es der Kaninchenzüchterverein, braucht es solche Aktionen.
«

Tom P. Teur

»Schlimm, dass eine solche Säule 2019 so notwendig ist.«

Torsten Stegie

»Es wurden Millionen Menschen ermordet und wurden nicht mal bestattet. Daran kann und muss man erinnern. Nicht umsonst ist es aggressiver Humanismus.«

Stefan R.


»Dieses Mahnmal muss stehen bleiben, als Mahnung wie Hitlers Machtergreifung geschehen konnte. Der Faschismus hat nicht mit Auschwitz angefangen.«

Falco Wee via facebook

»Es war kritische Kunst in Perfektion und deshalb steht es auch nicht mehr. Es war zu gefährlich. Allein der Inhalt der Machtübergabe der Konservativen an die Diktatur ist zu brisant.«

Florian T.

Die Ungebrochenheit des Menschen

Eine Allegorie auf den ungebrochenen moralischen Mut: Mala Zimetbaum. Ihr bedingungsloser Widerstand gegen den Faschismus, für die persönliche Verantwortung jedes Einzelnen, auf dass Auschwitz nicht noch einmal sei. Oder wie Adorno es nannte: "Die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz wäre Autonomie, wenn ich den Kantischen Ausdruck verwenden darf: die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen." Das ganze System der Nationalsozialistischen Partei beruhte auf der Brechung des moralischen Mutes ihrer Anhänger.

Die Politik dieses Landes kann etwas von ihrem ungebrochenen Geist – dem Geist des Widerstands – einatmen. Mit Asche in den Händen vertritt sie ein übergeordnetes Menschenrecht gegenüber dem Staatsrecht. Auf ihrem Sockel steht auf Deutsch und Polnisch: Gedenken heißt Kämpfen.

»Wenn ich jetzt versagte, wenn ich die Achseln zuckte und diesen einen Menschen sterben ließ, den ich vielleicht retten konnte, nur weil ich die persönliche Gefahr fürchtete, die damit verbunden war, dann machte ich den Fehler, den das ganze deutsche Volk gemacht hat. Es sind nicht gar so viele, die all die Scheußlichkeiten angeordnet und ausgeführt haben. Aber es sind doch unendlich viele, die sie geschehen ließen, weil sie nicht den Mut hatten, sie zu hindern.«

Ella Lingens