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Bewacht den Abgrund

Vergessen nimmt uns die Angst vor den Möglichkeiten der Politik. Es gibt nicht nur eine Schuld am Holocaust. Es gibt auch einen Auftrag. Dieser Auftrag lautet: Über das abstrakte Gedenken hinaus den Faschismus ganz konkret und ganz real zu verhindern. Wir sind durch jede Zeit neu herausgefordert zu sagen, was das bedeutet. Heute werden Naziparolen offen auf den Straßen gebrüllt, jüdische Synagogen angegriffen, Menschen gejagt, Todeslisten angelegt und CDU-Politiker hingerichtet. Was tun wir? Was tun wir, um den Faschismus zu bekämpfen?

Trotz aller Bemühungen: die Verfassungsfeinde sind zurückgekehrt. Sie haben ein Viertel der Wählerstimmen im Osten. Sie sind bundesweit bereits drittstärkste Kraft. Unter den Vorsitzenden sind Mitglieder der harten rechtsextremen Szene. Und auch die Verräter der Demokratie formieren sich schon. Der Holocaust war kein Ereignis der mythischen Vorzeit. Er war möglich. Er ist möglich. Und er bleibt möglich. Es gibt kein „damals", es gibt nur ein „dort": Einen Ort, an dem der Abgrund klafft und zwar für immer. Wenn wir diesen nicht ein für allemal schließen können, müssen wir ihn bewachen – auf alle Zeit. Die Geschichte lehrt, die Vorzeichen früh genug zu erkennen. Sie lehrt uns nicht, wie diese aussehen mögen. Seht die Bedrohung. Seht die Geschichte. Seht den Auftrag. Gedenken heißt kämpfen.

Seht die Menschen

Geschichte ist das Ergebnis von Politik. Der Holocaust ist das Ergebnis von Politik. Die schrecklichste Möglichkeit der Politik. Er ist das Trauma vom Ende der Aufklärung, des Fortschritts, des Idealismus und der Zeit an sich. Er ist das unentdeckte Ende der Geschichte. "Man kann einen Völkermord nur wirklich begreifen", so der Historiker Samuel Kassow, "wenn man erfährt und sich bewusst macht, was und wer vernichtet wurde." Die Opfer waren Menschen wie wir. Ihre letzten Botschaften könnten heute genau so geschrieben werden. Es sind Zeugnisse von Menschen mit Namen, Gesicht, Sehnsüchten und Hoffnungen.

Durch ihren Blick kann aus Gedenken Trauer werden. Trauer über das monumentale Erlöschen. Trauer um die Verbrannten. Die aus den Zügen geworfenen Postkarten, die in die Erde gescharrten, in Thermosflaschen versteckten Notizen – es sind die Schnipsel halbzerstörter Erinnerung. Ein Atlas der Individualität. Wir können diese Notizen wiederbeleben, weitergeben. Sie unterstreichen das gnothi seauton unserer Zeit: Seht die Menschen!

In der Tradition Emanuel Ringelblums legt das ZPS in zweijähriger Arbeit eine umfangreiche Dokumentensammlung in Buchform vor: "Wir möchten so gerne leben, doch man lässt uns nicht, wir werden umkommen. Ich habe solche Angst vor diesem Tod, denn die kleinen Kinder werden lebend in die Grube geworfen. Auf Wiedersehen für immer. Ich küsse Dich inniglich." Ihre Botschaften haben sie auf Postkarten aus den Deportationszügen geworfen, in Gurkengläser oder Thermoskannen vergraben oder in den doppelten Boden einer Schüsseln versteckt.

An die Nachwelt

Die letzten Nachrichten und Zeitzeugnisse von Opfern des
Nationalsozialismus in einer bislang einzigartigen Sammlung.
Gegen das Vergessen.

Die Gedenkstätte gegen den Verrat an der Demokratie

Das Zentrum für Politische Schönheit hat die Asche der Ermordeten der Nazidiktatur ins Regierungsviertel überführt – an jenen Ort, an dem 1933 die Demokratie beseitigt wurde. Gegenüber dem Bundestag nahm die Vernichtung von Millionen von Menschen ihren Lauf. Auf dem Gelände der ehemaligen Kroll-Oper legte der Konservatismus die deutsche Demokratie in die Hände von Mördern. Nichts erinnert dort bis heute an diesen Verrat.

Bei aller Lust an neuen repräsentativen Bauten haben wir vergessen, den Ort des Verrats an der Demokratie zu markieren. Geschichte ist nicht nur Preußenblau. Die Gefahr einer faschistischen Machtaushändigung ist heute so real wie nie. Kreise des Konservatismus strecken schon wieder die Hände nach den Faschisten aus. Sie machen sich Gedanken, ob die AfD nicht doch ein guter Regierungspartner sein könnte. Es gibt eine rote Linie zu den Feinden der Demokratie. Der Konservatismus trägt nicht nur die historische Schuld, die Konsequenzen seiner Naivität, Leichtfertigkeit und Machtbesessenheit waren mörderisch. Verfassungsfeinde sind zu fürchten.

Die Geschichte hat uns etwas zu erzählen. Die Toten haben uns etwas zu erzählen. Der Verrat an der Demokratie muss uns etwas erzählen. Gedenken ist nicht abstrakt. Gedenken heißt Aufrütteln. Gedenken heißt Kämpfen. Wem das Mahnmal zu konkret ist, für den wurde es geschaffen. Die jeweils Gegenwärtigen sind verantwortlich für das Erinnern. Die Form dieser Erinnerung determiniert, ob wir die Fähigkeit besitzen, den Abgrund zuzuhalten. Die "Macht der Geschichte" hängt von unserem Gedenken ab. Handeln wir, ehe es zu spät ist.

  • "Es ist nun einmal so: der Faschismus wurde in allen Ländern dieser Erde, auch und vor allem in Deutschland, nicht durch den pöbelnden Mob eingeläutet, sondern durch die Eliten, die den Rassismus der Bevölkerung legitimieren und ihn im öffentlichen Denken, Sprechen und Handeln institutionell und systematisch verankern."
    Mely Kiyak (2017)
  • "Jüngere und Ältere können sich gegenseitig helfen zu verstehen, warum es lebenswichtig ist, die Erinnerung wachzuhalten. Es geht nicht darum, Vergangenheit zu bewältigen. Das kann man gar nicht. Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird anfällig für neue Ansteckungsgefahren."

    Richard von Weizsäcker (1985)
  • "Die Botschaft der dort geblieben muss durch die Jahrhunderte weitergegeben werden, auch wenn es keine Zurückgekehrten mit tätowiertem Arm mehr gibt, die diese Pflicht erfüllen."

    Internationales Auschwitz Kommitee (1958)

"Die Initiatorin des monumentalen Stelenfelds, Lea Rosh, hält die Aktion des ZPS […] für 'tiefer, als unser Holocaustmahnmal es ist'. Sie sei 'bewegt und angefasst' von der Idee und ihrer Ausführung: 'Es ist unglaublich.'"

DER SPIEGEL

"Der Auftrag der Toten lautet: über unser abstraktes Gedenken hinaus den Faschismus ganz konkret und ganz real zu verhindern. Wir werden durch jede Zeit neu herausgefordert zu sagen, was das heißt. Gedenken heißt kämpfen."

Zentrum für Politische Schönheit

Herr Aly, ist es wirklich so, dass sich bisher niemand um die Überreste der NS-Opfer gekümmert hat? Musste erst das Zentrum für Politische Schönheit die angebliche Asche von ihnen in eine Säule gießen?

Götz Aly: Ja, das kann man im Großen und Ganzen so sagen. Und vor allem handelt es sich hier auch nicht um angebliche Asche von NS-Opfern, sondern um tatsächliche Asche. Europa und auch Teile von Deutschland sind voll von diesen Massengräbern. Und um die hat sich keiner gekümmert.

Die deutschen Kriegsgräber für unsere Soldaten sind überall gepflegt, von Sankt Petersburg bis Kreta. Wo sich die sterblichen Überreste der Ermordeten aus den Lagern befinden, weiß man nicht. Da wird auch der Boden nicht gekennzeichnet. Das ist schon eine Art von Verdrängung, von "nicht wissen wollen".

Wir wollen es halt nicht so genau wissen, wollen es wegschieben. Das ist eben was anderes als ein gefallener Soldat im Krieg. Hier sollten die Menschen entpersonifiziert, zu einem Nichts gemacht werden. Und das geschieht tatsächlich bis heute.

Dieses Zeigen – hier sind die sterblichen Überreste von mindestens 10.000 Menschen oder mehr, die vergast oder erschossen wurden – müssen wir auf die Dauer auf uns nehmen. Deswegen finde ich es gut, dass das Zentrum für Politische Schönheit auf diesen Punkt aufmerksam macht.

Wie hoch ist die Gefahr, dass die Opfer für solch eine künstlerische Aktion instrumentalisiert werden?

Ich glaube nicht, dass das passiert. Wenn diese Gruppe sagt – "Okay, wir wollen sie dem Vergessen entreißen. Wir wollen diesen weißen Fleck der geschichtlichen Betrachtung bekannt machen. Wir wollen zeigen, was da im Verborgenen noch schlummert", dann finde ich das in jedem Fall berechtigt.

mdr


Der Weg an die Macht

Der einzig vorstellbare Weg an die Macht führt für die AfD über die CDU/CSU. Die Mahnung, nicht mit den Faschisten zu paktieren, sich nicht von ihnen dulden zu lassen (“Minderheitenregierung”), geht zwar an alle Parteien. Am Verdächtigsten sind aber historisch betrachtet die Konservativen. Wer könnte die Republik an den Faschismus verraten? Wer könnte die Republik im Austausch gegen Macht leichtfertig ausliefern? Konservative Parteien waren 1933 maßgeblich an der Zerstörung der Demokratie beteiligt. Der Untergang des Konservatismus verläuft in den immer gleichen drei Zyklen: Beschwichtigung, Leugnung, Selbstverleugnung. Das Beschweigen, Verharmlosen, Relativieren und Legitimieren muss aufhören. Es ist auch ein Denkmal gegen die historische und politische Relativierung.

Seht die Bedrohung. Seht die Ermordeten. Seht die Menschen. "Nie wieder" muss die Grundlage des politischen Handelns in Deutschland werden. Der Grund des Gesetzes. Was das Land wirklich bräuchte, ist ein Bundesamt zur fallspezifischen Früherkennung und Deutung gesellschaftlicher oder politischer Phänomene als Vorzeichen faschistischer Machtergreifung. Ein Großteil des Problems besteht darin, dieselben Entwicklungen als solche zu erkennen, zu sehen und zu artikulieren. Wenn es aussieht wie die NSDAP vor der Machtergreifung, wenn es brüllt wie die NSDAP und wenn es mordet wie die NSDAP, dann ist es vielleicht auch eine neue NSDAP.

Moralischer Glutkern

Die Bundesrepublik fußt nicht auf dem Grundgesetz, sondern auf dem Versprechen: "Nie wieder Auschwitz". Grundlage aller Gesetzgebung und Politik muss das Bewusstsein sein, dass von diesem Land aus der Holocaust begangen und organisiert wurde. Dass er politisch möglich war. Die Säule ist ein Geschichtsreaktor, ein gigantischer Schrei, ein Zeugnis von Millionen vernichteter Menschen. Eine Eisenurne, als Warnung vor den Menschen. Eine überzeitliche Warnung vor dem Krater der Unmenschlichkeit, der politisch möglich bleibt. Wir leben in einer Zeit, in der auf den Straßen (schon wieder) Naziparolen gebrüllt, Synagogen angegriffen, Menschen gejagt, Todeslisten angelegt und Politiker hingerichtet werden. Die Tyrannei der Zukunft lässt sich frei wählen.

Die Asche der Opfer des Nationalsozialismus ist das Erbe dieser Republik. Ein Erbe, das nicht bewältigt werden kann. Es gibt nicht nur eine Schuld am Holocaust. Es gibt auch einen Auftrag: Was tun wir, um Faschismus zu bekämpfen? Gedenken heißt nicht diskutieren. Gedenken heißt handeln. Gedenken heißt kämpfen. Wie verhindern wir den Faschismus? Unser Gedenken ist zu abstrakt. Wir lassen die Erschütterung neu einrieseln in dieses Land, ganz konkret.

„Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es erkennen 'wie es denn eigentlich gewesen ist'. Es heißt, sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt.“

Walter Benjamin

  • "Ich weiß nur folgendes: die Nazis haben den Menschen in den Lagern gesagt, dass die Welt niemals mitbekommen wird, was mit ihnen passiert. Deshalb wurden diese Menschen erst zu Asche. Mein Großvater hat nie über den Holocaust gesprochen, aber es war ihm und zehntausenden anderen Überlebenden trotzdem wichtig, ein Testament in Yad Vashem zu hinterlassen und ihre Geschichten vor der Vergessenheit zu retten. Es ist einfach, Instrumentalisierung vorzuwerfen. Ist ein leerer Vorwurf. Natürlich instrumentalisierst du die Geschichten der Opfer, damit sie nicht aussterben."
    Shahak Shapira
  • "Das ZPS kann sich, trotz eventueller Vorwürfe der Pietätlosigkeit, darauf berufen, dass es Opfern des Holocausts und Widerstandskämpfern wie dem 1944 ermordeten Salmen Gradowski, zu Lebzeiten noch gelang, Notizen zu hinterlassen, in denen sie die Nachwelt instruierten, nach ihrer Asche zu suchen und mit ihr das Gedenken an die Millionen Ermordeten wachzuhalten."

    Süddeutsche Zeitung
  • "Menschliche Überreste findet man heute noch überall. Unser 'etablierter Erinnerungsbetrieb' mit seinen pompösen Gedenkstätten und Kranzabwurfstellen und Busparkplätzen dient dazu, uns diese Toten vom Leib zu halten. Es ist eine Abstraktion, die zur Distanzierung einlädt. Aber die Toten sind alle noch da. […] Offenbar sind es Tote zweiter Klasse. Der Verein für Deutsche Kriegsgräberfürsorge hat 85.000 Mitglieder und pflegt die Gräber von über 2,7 Millionen gefallener Soldaten beider Weltkriege auf 832 Friedhöfen in 46 Ländern."

    Deutschlandfunk

Wohin?

In der öffentlichen Debatte wurden Stimmen laut, die forderten: "Sofortiger Abbau!" Wir fragen: Wohin? Wo soll der Inhalt denn hin? Zurück in den Wald, in das Versteck, das deutsche Nazischergen vor 75 Jahren ausgehoben haben? Noch ein bisschen Erde drüber? Ist dann alles wieder "gut"? Verbrannte Überreste von Menschen, Religion unbekannt? Wo auf dieser Erde können diese Menschen ihre letzte Ruhe finden? Wo, wenn nicht am Anfang: dem Brachland der Kroll-Oper im Berliner Regierungsviertel.

Beachten Sie dazu die Interviews in Tagesspiegel und Berliner Zeitung mit unserem künstlerischen Leiter:

Deshalb wird es keine Aktionen zum Holocaust mehr geben

„Der Holocaust ist immer unser Ankerpunkt“

Aufgrund der Kritik an unserem Umgang mit der Asche und den Verletzungen, die nicht unsere Absicht waren, haben wir uns entschuldigt, die Asche der orthodoxen Rabbinerkonferenz übergeben und einen neuen Ansatz gewählt.

"Das wahnsinnig Schwierige an Erinnerung ist: du kannst nicht gleichzeitig die Vergangenheit aller gebührend erinnern und gleichzeitig die Gegenwart einbeziehen. Du brauchst einen Schockfaktor, um die Gegenwart einzubeziehen. Und für die jüdische Gemeinde ist unangenehm natürlich schlecht. Freunde von mir, die vor Ort waren, waren von der Säule beeindruckt."

Deborah Feldman

Presse

Sensation: Franz von Papen wieder in Berlin!

Franz von Papen ist heute vor der CDU-Parteizentrale aufgetaucht. Er möchte mit der Union über seine Erfahrungen reden, sich mit den Faschisten einzulassen. Können Demokratiefeinde durch Macht domestiziert, demaskiert oder eingehegt werden? Die Demokratie muss – seiner neuen, ganzen Überzeugung nach – gegen Verfassungsfeinde gemacht werden, nicht mit ihnen.

Von Papen wird derzeit nicht eingelassen. Die Mahnung, nicht mit den Faschisten zu paktieren, sich nicht von ihnen dulden zu lassen (“Minderheitenregierung”), geht zwar an alle Parteien. Am Verdächtigsten sind aber stets die Konservativen. Wer könnte die Republik an den Faschismus verraten? Wer könnte die Republik im Austausch gegen Macht leichtfertig ausliefern? Konservative Parteien waren 1933 maßgeblich an der Zerstörung der Demokratie beteiligt. Der Untergang des Konservatismus verläuft in den immer drei gleichen Zyklen: Beschwichtigung, Leugnung, Selbstverleugnung.

Hitlers Ermächtiger, verantwortlich für Millionen Ermordeter in ganz Europa, Hauptangeklagter in Nürnberg, wurde so bestraft: 4 Jahre Haft, dann Rückgabe seines Vermögens. Im Anschluss: Ehrengrab in Wallerfangen. So geht Erinnerungskultur: In Wallerfangen werden die konservativen Helfershelfer der Mörder mit Ehrengrab geehrt, über die verbrannten Reste ihrer Opfer rollen Autos. Vor der konservativen Machtaushändigung an Hitler hieß es, kommende Generationen würden die Kamarilla Hindenburgs dafür bis ins Grab verfluchen, daß Sie sich mit Hitler einlässt. Diese Zeit ist gekommen. Die Straffreiheit der Konservativen für ihre Taten endet hier.

“Was wollen sie denn? Ich habe das Vertrauen Hindenburgs. In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht.“

Franz von Papen

Nie wieder

Unser SEK hat für die neukonzipierte Gedenkstätte über Nacht ein 4 Tonnen schweres Stahlbeton-Fundament mehr oder weniger unter den Augen der Polizei gegossen. Ein Statikergutachten liegt vor, damit die Standsicherheit auf 30 Jahre gewährleistet ist und für die öffentliche Sicherheit keine Gefahr ausgeht – im Gegenteil!

Es könnte einer der relevantesten Gedenk- und Widerstandsorte der nächsten Dekade werden: Ein Ort, an dem jeder Mensch, dem die Demokratie es wert erscheint, einen verbindlichen Schwur zu ihrer Verteidigung leistet. Auf der Säule prangt der Schwur aus dem Zivilgesellschaftlichen Zapfenstreich gegen die AfD. Wir wollen die Grundrechte bis aufs Messer verteidigen. Und wir alle wissen, gegen wen.

Der Schwur stammt aus der Anfangszeit der Demokratie (410 v. Chr.) und findet seine Bekräftigung in der Intoleranz von Art. 20 Abs. 4 des Grundgesetzes: "Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist." Diese Gewalt- und Notwehrrechte sind demokratisch radikal (von Art. 18 gar nicht erst zu sprechen).

“Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.”

Grundgesetz Art. 20 Abs. 4

"Nieder mit der Barbarei in der Gestalt Hitlerdeutschlands!"

Die Flüsse Weichsel / Sola

Damm bei Harmense

Nordhausen

Waldfriedhof Chelmno

Die Verbrannten liegen überall

Wo ist die Asche der Ermordeten Hitlerdeutschlands? Wo liegen die Millionen Opfer des deutschen Faschismus? So unglaublich es klingt: Die Getöteten, die Verbrannten, die Verscharrten liegen 74 Jahre nach den NS-Massenmorden immer noch überall herum. Auch in Deutschland. Sie sind mitten unter uns. Vor ihrem Tod schrieben sie: "Suchet weiter! Ihr werdet noch mehr finden!" Das schreibt Salmen Lewenthal am 15.8.1944 in einen vergrabenen Brief. Salmen Gradowski (getötet 1944): "Teurer Finder, suche überall, auf jedem Zollbreit Erde. Suchet in der Asche. Die haben wir verstreut, damit die Welt sachliche Beweisstücke von Millionen von Menschen finden kann." Filip Müller berichtet in Lanzmanns Shoah: "Wir haben dafür gesorgt, dass die Welt sich in diese Erde graben würde."

Sie flehten: Sucht nach uns! Sie nahmen an, die Welt würde sie finden. Ihre Asche wurde in Dämmen verbaut, auf Feldern verscharrt und in Flüsse verkippt. Wir haben nach ihnen gesucht.  Dort, wo es kein Grab und keine letzte Ruhestätte gibt, sondern nur Unruhe- bzw. Hinrichtungsstätten – verscharrte Überreste, angekohlte Glieder, Finger, Hände, Teile von Armen, Beinen und Füßen, Torsos von Rümpfen und Beckenknochen. Wir haben an 23 Orten 248 Bodenproben genommen und in Labore geschickt. In 175 der Proben fanden sich Hinweise auf menschliche Überreste. Die ungewollten Unruhestätte, von der Welt völlig vergessen, vom deutschen Staat nie gesucht, von der Öffentlichkeit verdrängt. Es gibt Tausende davon. Seit einem Dreivierteljahrhundert hätte man nach ihnen suchen müssen.

Der Damm bei Harmense

In den Harmense umgebenden Teichen mit einer Fläche von 380 Hektar wurde nach der deutschen Invasion mit der Fischzucht begonnen. Die Historikerin Anna Zieba schreibt in ihrem 1970 erschienen Aufsatz: "An der Grenze des Dorfs Harmense und Plawy schütteten Häftlinge aus Asche einen Damm auf."

Die Wege der Asche 

Wir haben Teile unserer umfangreichen Vorrecherchen für die Wissenschaft zugänglich gemacht. In dem Beitrag "Die Wege der Asche" geht es um eine quellenkritische Chronologie für das "Interessengebiet Auschwitz". Laut dem Historiker Götz Aly handelt es sich um den ersten Text, der das Thema systematisch aufarbeitet.

Nordhausen, Thüringen

Historische Bilderrecherche: Auf einer leichten Anhöhe über dem Häftlingslager liegt das erst im Herbst 1944 fertiggestellte Krematorium mit Sezierräumen und Verbrennungsöfen. 5.000 Leichen wurden hier verbrannt. Die Asche wurde den Abhang hinuntergekippt.

Waldfriedhof Chelmno

Die Ungebrochenheit des Menschen

Eine Allegorie auf den ungebrochenen moralischen Mut: Mala Zimetbaum. Ihr bedingungsloser Widerstand gegen den Faschismus, für die persönliche Verantwortung jedes Einzelnen, auf dass Auschwitz nicht noch einmal sei. Oder wie Adorno es nannte: "Die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz wäre Autonomie, wenn ich den Kantischen Ausdruck verwenden darf: die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen." Das ganze System der Nationalsozialistischen Partei beruhte auf der Brechung des moralischen Mutes ihrer Anhänger.

Die Politik dieses Landes kann etwas von ihrem ungebrochenen Geist – dem Geist des Widerstands – einatmen. Mit Asche in den Händen vertritt sie ein übergeordnetes Menschenrecht gegenüber dem Staatsrecht. Auf ihrem Sockel steht auf Deutsch und Polnisch: Gedenken heißt Kämpfen.

"Wenn ich jetzt versagte, wenn ich die Achseln zuckte und diesen einen Menschen sterben ließ, den ich vielleicht retten konnte, nur weil ich die persönliche Gefahr fürchtete, die damit verbunden war, dann machte ich den Fehler, den das ganze deutsche Volk gemacht hat. Es sind nicht gar so viele, die all die Scheußlichkeiten angeordnet und ausgeführt haben. Aber es sind doch unendlich viele, die sie geschehen ließen, weil sie nicht den Mut hatten, sie zu hindern".

Ella Lingens