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Die Toten kommen

Wir verlieren jeden Tag hunderte Einwanderer. Europas Grenzen sind militärisch abgeriegelt – die tödlichsten Grenzen der Welt. Jahr für Jahr sterben Tausende Menschen beim Versuch, sie zu überwinden. Die Opfer der Abschottung werden massenhaft im Hinterland südeuropäischer Staaten verscharrt. Sie tragen keine Namen. Ihre Angehörigen werden nicht ermittelt. Niemand schenkt ihnen Blumen.

Wir haben die toten Einwanderer Europas von den EU-Außengrenzen in die Schaltzentrale des europäischen Abwehrregimes geholt: in die deutsche Hauptstadt. Menschen, die auf dem Weg in ein neues Leben vor der Europäischen Union ertrunken sind, haben es über den Tod hinaus ans Ziel ihrer Träume geschafft. Gemeinsam mit den Angehörigen haben wir menschenunwürdige Grabstätten geöffnet, die Toten identifiziert, exhumiert und nach Deutschland überführt.

»Das Zentrum für Politische Schönheit bringt uns, da die Lebenden es nicht geschafft haben, die Toten ins Land. Wir werden mit den Folgen dessen, was wir tun oder lassen konfrontiert. Das ist das eine. Das andere ist: Die Aktion verwandelt Leichenberge in zu Tode gebrachte Einzelne. Sie verwandelt Flüchtlinge in Menschen. Die Aktion bestärkt uns in dem Gefühl, dass wir dabei sind, schlimmste Fehler zu begehen. Wir fragten nicht nach den Toten und was mit ihnen geschah. Das tun jetzt die Künstler. Im Jahre 442 v. u. Z. wurde in Athen ein Theaterstück aufgeführt. Dessen Heldin war eine junge Frau, die sich dem Befehl des Herrschers, dem Gesetz könnte man sagen, widersetzte. Er hatte angeordnet, Polynikes dürfe nicht beerdigt werden. Es gibt darin einen Dialog zweier Frauen. Die eine sagt, sie teile zwar das Entsetzen angesichts der Anordnung des Herrschers, aber sie könne sich nicht zur Rebellion dagegen entschließen. Antigone antwortet ihr: „Ich aber gehe, ein Grab dem liebsten Bruder aufzuwerfen“. Sie tut Unrecht, um das Rechte zu tun. Unsere Hoffnung ist, dass wir auf die Toten hören, da wir ihre Schreie, als sie noch lebten, überhörten.«

Berliner Zeitung

So könnte Europa mit den Opfern der militärischen Abschottung umgehen

Gegen alle Regeln der Wahrscheinlichkeit haben wir eine Mutter, die bei ihrer Einwanderung nach Europa durch unsere Untätigkeit ertrunken ist und von den Behörden »unbekannt« auf Sizilien verscharrt wurde, zu ihren Liebsten nach Deutschland überführt. Ihr zweijähriges Kind durften wir nicht mitbeerdigen. Dafür haben wir einen sechzigjährigen Einwanderer, der auf der Höllentortur des Mittelmeers kollabiert ist – und dessen toter Körper von den Behörden zehn Wochen beschlagnahmt wurde (um von seinen Angehörigen ein Geständnis gegen den Fluchthelfer wegen »Schlepperei« zu erpressen) – aus den Fängen der Bürokratie herausgelöst. Wir haben den gescheiterten Einwanderern die Würde zurückgegeben, die ihnen gebührt. Aber es geht nicht nur um die Rettung der Würde der Einwanderer.

Mobirise
Mobirise
Mobirise
Mobirise

»Die radikalste Deutung der ,Antigone‘ des Sophokles auf, die seit Langem zu sehen war.«

Tagesspiegel

»Ihre bislang spektakulärste Aktion!«

Der Spiegel

»Darf man tote Flüchtlinge überführen und sie hier begraben? JA.«

BILD

»Der Stunt, den diese Aktion bedeutet, die Radikalität, auch gedanklich, der Mut, der Schock, all das findet nicht statt in diesem tiefgefrorenen Milieu.«

Spiegel Online

»Künstler graben auf Sizilien Flüchtlingsleichen aus und fahren sie unter Drogeneinfluss nach Deutschland.«

DIE WELT

»Politische Pornographie!«

Sonja Zekri, Süddeutsche Zeitung

»Wir erleben wieder einmal die Spannung zwischen unserem uns überschwemmendem Mitleid und unserem Wissen darüber, dass es darauf nicht ankommt. Alles hängt davon ab, dass wir das Richtige tun. Dass wir diese Bilder nicht ertragen, dass wir uns nicht ertragen, wenn wir sie ertragen, das könnte ein Anfang sein.«

Berliner Zeitung

»Wer geilt sich denn genau daran auf, dass Menschen sterben, weil die westliche Politik es zulässt? Wer soll hier diskreditiert werden? Wie roh muss man sein, um in diesem Fall eine Verbindung von Tod und Sexualität so drastisch herzustellen?«

Georg Diez, Spiegel Online

»Die Aktion ist schockierend. Viel schockierender aber ist die Realität an den Außengrenzen Europas.«

Vice

»Ganz schön harter Tobak. Ihr Hauptziel erreicht das Zentrum für Politische Schönheit wohl schon vor der ersten Beerdigung: eine Diskussion über die Toten an den EU-Außengrenzen.«

Bayrischer Rundfunk

»Das Prinzip dieser Kunst ist das zynische Spiel mit Realität, wobei der Zynismus nicht von der Berliner Künstlergruppe ausgeht, sondern die Menschenverachtung der Behörden und der politischen Entscheidungsträger sowie der wegsehenden Mehrheit spiegelt.«

taz

»Die Diskussion ist einzig von der Frage geprägt, ob das ZPS eine Kunst betreibe, die Grenzen überschreite oder nicht, vor allem die Grenze zwischen Theater und Realität selbst – als wären die Grenzen von Begriffen entscheidender als die Grenzen Europas selbst.«

nachtkritik

»Wenn die Politiker und ihre Wähler keine Antwort finden, vielleicht muss das Problem dann abstrahiert und Themen wie Krieg, Flucht und Tod inszeniert werden. Das Zentrum für Politische Schönheit hat dabei eindrucksvoll Regie geführt. Und Bilder geschaffen, die wir hier in Europa brauchen, um endlich zu verstehen, dass wir handeln müssen.«

Der Stern

»Was passiert eigentlich mit den Toten, den Tausenden von Menschen mittlerweile, die entlang der Grenzen Europas sterben, ertrunken meistens im Mittelmeer, angespült, aufgefischt - und dann? Dann werden sie, die im Leben nie die Würde gefunden haben, die ihnen als Mensch gebührt, auch im Tod misshandelt: Sie werden irgendwo zwischen Olivenbäumen verscharrt, namenlos. Sie werden monatelang in Kühlräumen gelagert. Sie werden vergessen, denn sie stören eine Politik, die schon genug damit zu tun hat, sich die Lebenden vom Leib zu halten.«

Spiegel Online

»Tabubruch und Grenzüberschreitung sind die Markenzeichen des ZPS, das sich in die große Lücke schiebt, die Künstler wie Joseph Beuys und Christoph Schlingensief hinterlassen haben. Beide waren Pioniere der medialen Mobilmachung im Namen der Kunst. Das kapitalistische Gefälle zwischen Körpern erster und zweiter Klasse demonstrierte bislang niemand radikaler und zynischer als der spanische Konzeptkünstler Santiago Sierra, der zum Beispiel Kubaner dafür bezahlte, sich eine Linie auf den Rücken tätowieren zu lassen. In diesem Zusammenhang muss man die Aktionen des Zentrums für Politische Schönheit betrachten: Es geht, unter anderem, um Kunst.«

Der Stern

Mobirise

»Ein Angriff auf unser Selbstbild: Wenn jetzt das Zentrum für Politische Schönheit uns auffordert, darüber zu bestimmen, wer hineinkommt und wer nicht, dann wird, was die Volksvertreter privaten Unternehmen übertragen haben, an das Volk rückübertragen. Ob das eine glückliche Lösung ist? Es erhellt die Lage, in der wir uns befinden. Und wenn wir erst ein paar tausend Gesichter und Kurzbiografien vorliegen haben und dann bei den einen Daumen hoch sagen und bei den anderen Daumen runter, dann werden wir begreifen, dass wir das Spiel der römischen Imperatoren spielen. Dann begreifen wir auch, dass die europäischen Regierungen dieses Spiel schon seit Jahren stündlich aufführen.«

Frankfurter Rundschau

»All das schlichtweg großes Theater. Das ist‘s was Theater kann: Theater kann Versatzstücke aus der Wirklichkeit nehmen und mit ihnen spielen – auf drastische Weise. Ist das zynisch? Flüchtlinge den Tigern zum Fraß vorsetzen zu wollen? Naja, es ist vielleicht zynisch, es bleibt aber – davon können wir wohl ausgehen – ein symbolischer Akt und der ist so gut gewählt, dass sofort alle die Ohren spitzen.«

rbb

»Entscheidend war aber an diesem Mittag im Theater etwas anderes. May Skaf unternahm keinen Versuch, die Theatralität ihres Auftritts zu verhehlen. Sie sprach mit zitternder, manchmal fast schluchzender Stimme. ›Mit Gesetzen zutöten ist das Werk von Feiglingen‹, rief sie, und am Ende: ›Es ist nicht mehr mein Spiel. Es ist ihres. Ihnen bleiben acht Tage.‹
Gerade indem die Schauspielerin die Unterscheidung von Fiktion und Wirklichkeit betonte, gelang ihr etwas Eigentümliches. Die Kunst relativierte sich selbst, ohne einen Zweifel daran zu lassen, dass die grausame Realität, auf die sie mit erpresserischen Mitteln den Blick gelenkt hatte, weiter bestehen bleibt.«

FAZ

»Wer sich Kampagnen wie ›Flüchtlinge fressen‹ ausdenkt, der hat sich von der Verrohung der Flüchtlingspolitik anstecken lassen!«

Christian Jakob · taz

»Mit der Tiger-Arena wollen sie an Gladiatorenkämpfe im alten Rom erinnern und an ein Europa der Barbarei. Bis zum derzeitigen Punkt ist die großangelegte und aufwendige Kunstaktion eine mit großer Ernsthaftigkeit durchgeführte Inszenierung. Jeden Abend finden in diesen Tagen Salons statt, sowohl der Berliner Kulturbetrieb als auch Politiker der Oppositionsparteien nehmen daran teil. Die Diskussion ist entfacht.«

Spiegel Online

»Das, wovon die Story erzählt ist natürlich real. Die Story erzählt von Menschen, die im Meer ertrinken, weil sie keine sicheren Verkehrsmittel benutzen dürfen. Nun kommt das ZPS und erklärt sich für nicht einverstanden. Keine 2 Tage später twittert der Innenminister. Die BILD lässt Behördenleiter vom Grünflächenamt verrücktes Zeug erzählen. Und am Donnerstag wird im Bundestag § 63 diskutiert. Ja, es ist Kunst. Kunst, die uns erzählt, wo das eigentliche Theater stattfindet.«

Mely Kiyak

»Das ZPS wirft einen Stein ins Wasser – und niemand kann vorhersagen, welche Wellen er schlägt. Durch das Prinzip des ›aggressiven Humanismus‹, wie ZPS-Chefdenker Philipp Ruch seine Grundhaltung bezeichnet, wird eine inhumane Politik gezwungen, ihr wahres Gesicht zu zeigen. Und alle Beteiligten genötigt, in ihren Rollen sichtbar zu werden – als Dulder, Wegseher, Mittäter.«

Silke Müller, Stern

»So wie sich die Passanten vor der Manege im dekadenten römischen Zirkuspublikum wiedererkennen sollen, werden Journalisten, die das einzige Publikum darstellen, dazu genötigt, über ihre eigene Rolle nachzudenken. Instinktiv mögen sie sich dagegen wehren. Doch am Ende bleibt der Blick wider Willen dort hängen, wohin er gezwungen wurde: an der ausweglosen Situation vieler Flüchtlinge und der widersprüchlichen Haltung der europäischen Staaten. Das hinzukriegen ist keine kleine Leistung inmitten einer Öffentlichkeit, die sich seit Monaten mit der ›Flüchtlingskrise‹ beschäftigt und dabei in Gefahr ist, für das Nächstliegende blind zu werden.«

FAZ

»Man kann das natürlich platt finden. Aber fakt ist, dass die Plattheit der Reaktionen diejenige der künstlerischen Konzepte bis dato leider noch immer um ein paar sehr erhellende Grade überstiegen hat. Auch angesichts des Tigerkäfigs dauerte es keinen Tag, bis besorgte Bürger, Institutionen und Medien sich – quasi hundertprozentig nach impliziter ZPS-Storyline – eher nach dem Tierschutz erkundigten als nach dem Schutz derer, die sich von den Tieren fressen lassen sollen.«

Christine Wahl, Der Tagesspiegel

»Die Arena vor dem Maxim Gorki Theater ist dabei nur die spektakuläre Kulisse des Projekts, das mit einem Image-Film im Netz beginnt, durch Online-Abstimmung dramaturgische Steigerung erfährt und seinen Höhepunkt in die Bundestagssitzung am 24. Juni verlegt. Ob es danach zur Katastrophe kommt (Stichwort Tiger) oder zur Katharsis (Stichwort Joachim 1, dazu gleich mehr) entscheidet sich dort. Kunst kann Horizonte öffnen, aber Asylpolitik bleibt ein Staatsstück. "Wir proben beides, Utopie und Dystopie", sagte André Leipold vom ZPS auf einer im Theater einberufenen ›Bundeserpressungskonferenz‹.«

DIE ZEIT

»Zu der mit dem Mitteln des Theaters vorgeführten sozialen Situation muss man sich verhalten. Daran kam in seinem überraschend klaren Statement auch das um schwammige Formulierungen selten verlegene Bundesinnenministerium nicht herum: ›Es handelt sich um eine geschmacklose Inszenierung, die auf dem Rücken der Schutzbedürftigen ausgetragen werden soll.‹ Worte, die eine ebenso unfreiwillige wie bittere Komik bergen: Ließe sich nicht genau so auch diese Farce namens EU-Türkei-Pakt beschreiben, unter der so viele Hilfe suchende Menschen leiden?«

neues deutschland

»Es liegt jetzt an uns: Verharren wir in der Abwehr oder lassen wir uns ein auf den Gedankenweg, auf den diese künstlerischen Aktivisten uns führen wollen. Sagen wir: Die Aktion ist zynisch! Oder sagen wir: Die Realität unserer Gesetze, die es keinem Flüchtlinge ermöglicht, ohne Aufenthaltsvisum in ein Flugzeug zu steigen, sondern sich auf den todbringenden Weg über das Mittelmeer zu begeben, diese Realität ist zynisch.«

Berliner Zeitung

»Einen Moment stellt man sich vor, wie sie alle kommen würden und gaffen, wenn es wirklich blutig würde. Vielleicht ergreift uns das Spektakel ja viel mehr, als das Schicksal der Flüchtlinge weit weg in Syrien es vermag. Aber vielleicht ist auch diese entlarvende Vorstellung Teil der Inszenierung.«

Berliner Zeitung

»Ich habe das als richtig empfunden, dass es in dieser blutigen Zeit das Theater nicht in den schönen Schein ausweicht, sondern versucht, Realität aufzugreifen.«

Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles

»Die verfassungsrechtlichen Bedenken spielen in der Rechtsprechung jedenfalls mittlerweile keine erkennbare Rolle mehr. Vielleicht trägt die Kunstaktion des ZPS dazu bei, diese notwendige Diskussion wiederzubeleben.«

Verfassungsblog

»Am Ende bleibt eine Show übrig, die zeigt: De Maizière will keine Syrer mehr kommen lassen, und es ist ihm scheißegal, was aus ihnen wird. (...) Nichts spricht dagegen, immer wieder an das Flüchtlingssterben zu erinnern, und für große Gesten ist Theater nun mal da.«

taz

»Hat das ZPS hier vielleicht doch, ultimative Künstler-Eitelkeit hin oder her, einen Nerv getroffen?«

nachtkritik

»Diese Inszenierung lässt nicht zu, dass wir nach der Vorstellung zufrieden nach Hause gehen, weil uns die Präsentation ästhetisch so gut gefallen hat.«

tell

»Das Zentrum für politische Schönheit wagt mit seinen Aktionen einen Spagat zwischen Fiktion und Realität, zwischen Utopie und Realpolitik. Politische Aktionskunst wird dadurch zum gesellschaftlichen Korrektiv, das mit einem allzu höflichen Einsatz für die Menschenrechte brechen will.«

hpd.de

»Diese auf Dringlichkeit, Unmittelbarkeit und Kompromisslosigkeit abzielende Aktion entzaubert den Verdrängungskünstler im Menschen. Nach dem Blick auf diesen Tigerkäfig und mit den schnell einsetzenden Assoziationen, dass da Menschen zerfleischt werden könnten, ist ein Ausweichen nicht mehr möglich.«

Neues Deutschland

»Wer sagt, dass diese Kunstaktion zynisch oder brutal sei, der solle sich ernsthaft fragen, wieviel zynischer das von der Politik einkalkulierte Massensterben ist.«

Jetzt.de

Mobirise

Zur Beerdigung sind die verantwortlichen Politiker eingeladen. Es ist ein humanistischer Anschauungsunterricht, in erster Linie für die Mitarbeiter des Bundesinnenministeriums (siehe Gästeliste). Die Sitzordnung ist genau festgelegt: Bundesinnenminister Thomas de Maizière mit Frau, Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Ehemann in der ersten Reihe, ihre Grabreden sind geschrieben.

Die Gedenkstätte für die unbekannten Einwanderer

In Italien und Griechenland stehen aufgrund der Vielzahl der Opfer des Europäischen Abwehrkrieges keine ausreichenden Bestattungsplätze zur Verfügung. Wir wollten vor dem Kanzleramt die Grundsteine des Vorplatzes für ein Friedhofsfeld der Superlative aufstemmen: eine Gedenkstätte für die Opfer der militärischen Abriegelung Europas unter dem titelgebenden »Den unbekannten Einwanderern«.

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Kanzlerin, Kabinett und Besucher des Kanzleramts sollen bald über Leichen gehen.

Marsch der Entschlossenen

Die entschlossene Zivilgesellschaft machte sich unmittelbar nach Ankündigung des Kanzleramtfriedhofs an die Umsetzung unseres Bauvorhabens. Entschlossen wurden die Zäune der Bundestagswiese zu Fall gebracht und spontan hunderte Gräber ausgehoben.

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Anlage einer Grabstätte im öffentlichen Raum

Mobirise
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Die Bundestagswiese, ein improvisierter Friedhof für die unbekannten Einwanderer.

Mobirise

Sorgen Sie für Stress – Werden Sie Komplizin!

Höcke lobt das Zentrum für Politische Schönheit als »terroristische Vereinigung«. Seien Sie dabei und werden Komplizin einer bislang leider nur von Höcke und Erdogan anerkannten Terrororganisation! Als Komplizin leisten Sie einen unschätzbaren Beitrag zur Erregung öffentlicher Unruhe – für den aggressiven Humanismus. Sie erhalten nirgends so viel Aufruhr und Dissens für jeden gespendeten Euro wie bei uns.

Mobirise

»Die Reichstagswiese wurde zum Friedhof. Und wir wieder einmal davon Zeuge, dass es vielen eben doch nicht egal ist, was da vor den Grenzen der Europäischen Union passiert.«

Der Stern

»Ich kann mich nicht erinnern, dass wir so etwas schon mal bei einer Demonstration hatten. Ein Aufzug mit Toten wäre mal was ganz Neues für uns!«

Pressesprecher der Berliner Polizei

»Die Polizei ist alarmiert und hat ein Lagezentrum eingerichtet. Man geht davon aus, dass sich nicht zu wenige Menschen an der Aktion am Sonntag beteiligen werden.«

Kurier

»91 Festnahmen, zwölf verletzte Polizisten und mehr als 100 Löcher in der Reichstagswiese – das ist die Bilanz der Flüchtlings-Demo ›Die Toten kommen‹ im Regierungsviertel.«

B.Z.

»Nun hat die Polizei die Aktion verboten – jedenfalls weitgehend.«

Tagesschau (ARD)

Ein wunderschöner Akt des zivilen Ungehorsams! Es hat in Deutschland ja schon eine gewissen Tradition, dass selbst bei Revolutionen ›das Betreten des Rasens verboten‹ bleibt.«

Humanistischer Pressedienst

»Betrachten wir Die Toten kommen noch mal mit etwas Abstand, ergibt sich ein recht ausgeklügeltes Bild, das Walter Benjamin helle Freude gemacht hätte: Mit einem Akt von Schönheit, dem Begräbnis, wird Öffentlichkeit generiert, die genutzt wird, zu einem Marsch der Entschlossenen aufzurufen. Dessen einziger Zweck besteht darin, eine neue, viel stärkere Symbolik zu schaffen: das deutschlandweite, dezentrale, unorganisierte Ausheben symbolischer Gräber. Deutlicher kann man die Kritik des Sich-selbst-Abfeierns nicht ins Leere laufen lassen. So zentral das ZPS zuvor für die ganze Aktion war, so bedeutungslos ist es jetzt für deren Fortlauf. Einige Tage oder Wochen lang werden überall weitere Gräber entstehen – vielleicht sogar in der Steppe Vorpommerns. Und weil der Tod heilig ist, werden diese Gräber zum Nachdenken anregen – selbst den Opa in Vorpommern. Wenn er auf dem örtlichen Marktplatz vor einem Grab aus seinem Eierkauf-Alltag gerissen wird, wird auch er wissen: Da sterben Menschen. Und es gibt jemanden, der um sie trauert. Was das Zentrum für Politische Schönheit geschaffen hat, ist ein Kunstwerk Benjamin’schen Typs: losgelöst vom Künstler, die Reproduzierbarkeit inhärent in sich tragend, politisierte Kunst.«

The European

»Der Marsch der Entschlossenen markiert den künstlerischen Quantensprung des Zentrums für politische Schönheit: Plötzlich fiel der Zaun. Fiel sanft wie in Zeitlupe. Und fünftausend Menschen drehten sich fast gleichzeitig in einer weichen Bewegung und nahmen die unerwartet entgrenzte Reichstagswiese in Besitz. Das angekündigte Mahnmal nahm eine neue Form an, die Statisten hatten sich in Akteure verwandelt, aber sie blieben im Script, indem sie das Mahnmal nun selber realisierten. Aus Unentschlossenen wurden Entschlossene. Möglich wurde der magische Moment der Selbstermächtigung durch die gezielten und durchdachten Mitspielangebote des ZPS bis hin vor die Tore des Kanzleramtes, den entscheidenden Impuls des Tages überließen die Macher dann aber klugerweise den Teilnehmenden selbst. Mit der Präzision eines Opernchores schritten die Fünftausend zur Tat und schufen ein ephemeres Kunstwerk auf dem Rasen, verewigt in tausenden Bildern im Netz. Der Zaun, den man in Bulgarien nicht durchschneiden konnte, er fiel in Berlin. Die Gräber konfrontierten nicht mehr das Kanzleramt, sondern – viel stimmiger – den Bundestag als den Ort, an dem eine neue Flüchtlingspolitik erdacht und entschieden werden muss.«

Christian Römer, Heinrich Böll Stiftung

»So drastisch die Darstellung auch sein mag: Zu keinem Zeitpunkt der Aktion hat sie den Inhalt verdeckt. Weder auf dem Begräbnis, auf dem auch in der Rede des Imams das Thema Inhalt war, noch auf dem Marsch der Entschlossenen. Das Neue, was die Kritiker zu stören scheint, ist die Symbolik. Ihnen ist alles zu symbolisch. Dabei besteht genau darin das Verdienst (und der Selbstanspruch) des Zentrums: Es schafft eine Symbolik, die es überhaupt erst vermag, für ein politisches Problem empfänglich zu machen.

Sie verschließen die Augen vor der Tatsache, dass die Toten für sie auf den Friedhöfen liegen. Nicht für die Toten. Damit die Lebenden trauern können, damit die Lebenden sich erinnern können, damit die Lebenden mahnen können, liegen die Toten da. Insofern ist ein Grab, das hier zum Symbol wird, nicht einfach eine Ruhestätte – es ist immer ein Symbol, das von jeher instrumentalisiert wurde, ob im Privaten oder im Öffentlichen. Woher also kommt die Empörung, wenn ein Grab dazu instrumentalisiert wird, die deutsche und die europäische Abschottungspolitik anzumahnen? Weil die Instrumentalisierung sichtbar wird?«

The European

»In einer internen Mail, die BILD vorliegt, heißt es: ›Kassenstand Grünunterhaltung von heute: 60 000 Euro für den Rest des Jahres – für 850 Hektar Grünflächen‹. Der gefrustete Schreiber: ›This is the end ... wir sind pleite!‹«

BILD

»Die Demo-Veranstalter sollten dazu aufrufen, den Rasen gemeinsam wieder in Ordnung zu bringen.«

Frank Steffel, CDU

»Ein wunderschöner Akt des zivilen Ungehorsams! Es hat in Deutschland ja schon eine gewissen Tradition, dass selbst bei Revolutionen ›das Betreten des Rasens verboten‹ bleibt.«

Humanistischer Pressedienst

Gräber für die unbekannten Flüchtlinge

Mittlerweile gibt es Tausende Grabanlagen europaweit.

So geht Europa mit seinen Toten um!

Mobirise
Mobirise

Stichprobe 1: Am 30. Mai 2015 verkünden die Medien die Bergung von 17 Toten (z.B. hier, hier, hier). Diesmal haben wir uns vorbereitet, um der europäischen Öffentlichkeit zu zeigen, was mit diesen Toten geschieht. Zunächst werden sie am Hafen noch in Särgen für die Fotos ausgestellt, dann in Müllsäcke gepackt und in eine Kühlkammer im Krankenhaus von Augusta übereinander geworfen. Gegen jede Form des Anstands. Es sind Bilder, die Sie nie sehen sollten. Die schwarze Lache am Boden ist das ausgetretene Blut von 17 Menschen. Wir veröffentlichen hier nicht den Blick in die Kühlkammer. Der Geschichte hinter den Bildern ist die taz nachgegangen. Und hier gibt es Antworten auf die häufigsten Fragen, die wir während der Recherchen wieder und wieder gestellt haben.

Mobirise
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Stichprobe 2: Sidiro, Griechenland: im August 2010 entdecken deutsche Aktivisten ein Massengrab mit über 200 Leichen. Frauen, Kinder und Männer, die beim Übertritt der (damals von deutschen Polizisten) schwer bewachten türkisch-griechischen Grenze ertrunken sind. Obwohl der Auftrag der Bezirksregierung eine Waschung und Beerdigung der Verstorbenen nach muslimischen Gebräuchen vorsah, verscharrt der Beerdigungsunternehmer die Leichname entlang eines schwer zugänglichen Sandweges im Hinterland – wo sie bis heute liegen. Der Wegesrand wird später von den Behörden kurzerhand zum Friedhofsfeld umdeklariert.

Mobirise
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Stichprobe 3: 22. Januar 2015, Catania, Italien: Auf Sizilien werden 13 Leichen von Vermissten, darunter zwei Kinder, in einer Lagerhalle entdeckt und abtransportiert. Die Toten lagen dort aufgrund von »bürokratischen Hürden« einfach 8 Monate rum.

Mobirise
Mobirise

Bürgermeisterinnen und Bürgermeister Italiens ersuchen verzweifelt die Hilfe der großen Politik (hier, hier). Am Evros werden alle Toten muslimisch bestattet (hier), in Italien werden sie christlich beerdigt (hier). Die Eritreische Gemeinde beschwerte sich bereits 2013 über die Bestattungspraktiken. Nichts geschah.

»Jeder an der Mauer Europas Ermordete ist ein für uns alle verlorener Mensch zuviel. Nachdem die Politik diesen Menschen zur Statistik gemacht hat, habt ihr aus dieser Zahl wieder einen Menschen gemacht. Danke.«

Swen Gerards

»Bei allem Respekt vor humanitärem Engagement: Mit solchen Aktionen werden Grenzen der Pietät überschritten.«

Wolfgang Bosbach, CDU

»Tote Flüchtlinge zum Gegenstand einer Kunstaktion zu machen, ist befremdlich und pietätslos.«

Volker Beck, Bündnis 90/Die Grünen

»Das ist die provokativste und menschlichste Aktion, die ich bisher gesehen habe. Herzlichen Dank.«

Wafaa Dallal

»Ein Kniefall vor dem Leben.«

Barbara Rohst 

»Wer von Pietätlosigkeit spricht sollte mal an die EU-Außengrenzen fahren.«

Justus Lenz, Sprecher ZPS

»Damit dieses Europa endlich vor sich selbst erschrickt!«

Lella Göödeli

»Politische Leichenfledderei!«

Vera Lengsfeld, CDU

»Hart an der Grenze, aber auch gerade deshalb direkt an den berührenden Themen dran.«

Katja Kipping, Die Linke

»Diese Menschen flüchten nicht aus Lust und Laune. Sie suchen das Leben. Ihnen wurde das Leben verweigert. Ich appelliere an alle Politiker: das sind Menschen, die unsere Hilfe gebraucht haben und jetzt unsere Hilfe brauchen. Wir müssen es verhindern. Wir werden auch versinken. Sie ist versunken ins Meer. Aber wir versinken in Ungerechtigkeit, in Kriege, in Hass, in Rassismus und Diskriminierung. Wie können wir uns alle gemeinsam retten.«

Imam Abdallah Hajjir

»Umstritten ist für diese Kunstaktionen ein positives Attribut. Diskussion zu solchen Aktionen ist erwünscht. Die Gesellschaft sollte froh darüber sein, dass sie noch solche Protestpotentiale in sich birgt, mit denen die Künstler ihre Kunst sichtbar machen können.«

Rupert Neudeck

»Ich komme gerade von der Beerdigung auf dem Friedhof in Gatow. Seit 40 Jahren mach ich jetzt politisches Theater, bin gerade 70 geworden – und jetzt denk ich wie die Geschlagenen im Bauernkrieg: Unsre Enkel fechtens besser aus.«

Helma F.

»Was für ein politisches Possenspiel von ein paar Selbstdarstellern! Eine polemische Aktion ohne Inhalt!«

Toby Newman

»Die Frage ist letztlich, in welchem Maß wir Europäer bereit sind, unserer Verantwortung gerecht zu werden und diese Welt als eine Welt zu sehen.«

Ingo Schulze (Schriftsteller)

»Pervers, unmenschlich, populistisch, arrogant, dreist. […] Realität kennt man in eurem abgehobenen Kreisen wahrlich nicht.«

Sören Schwarzer

»Das Nichtverstehen ökonomischer Zusammenhänge und der daraus resultierende Wahn mit Moral und Liebsein die Welt verändern zu können!«

Wotan Bärwolf

»Wenn man überhaupt durch solche Aktionen das gesellschaftliche Klima verändern kann, dann durch diese. Entschlossen, gewaltfrei und sehr eindrucksvoll.«

Mark Engel

»Es ist verstörend, dass der symbolische Akt Kontroversen hervorruft, das Verrecken lassen hingegen, kaum jemandem seine Feierabendruhe verdrießt. Ich verneige mich vor Euch!«

Astrid Ahlers 

»Diese Arbeit zählt, meines Erachtens, zu den stärksten Ausdrucksformen politischen Theaters in den vergangenen Jahren, obgleich der Anlass - der Tod von vielen tausend Menschen an den Grenzen Europas – unglaublich traurig ist.«

Ralph Fischer

»Dort, wo das Herz wäre, hat Deutschland eine Alarmanlage. Danke! Und Respekt!«

Kirsten Kroneberger 

»Ich bin äußerst selten in der Situation, dass mir die Worte fehlen - Eure - diese Aktion hat es geschafft […] und doch versuche ich zu tippen – meine tiefbewegte Sprachlosigkeit durch die Wirkung eurer politischen Kunstaktion. Ich bin dem Theater / der Kunst schon ewig verbunden, aber dieses Projekt ist das Stärkste und Mutigste, das ich selbst miterleben darf.«

Marie H.

»Ich bin zutiefst bewegt, dass ihr versucht den Toten ein Stück Würde zurückzugeben.«

Stefan Löwenthal

»Das nicht Erwartbare ist ein ehrenhaftes Begräbnis für die Opfer unseres Leugnens unserer Verantwortlichkeit – und der Widerstand ist die Anständigkeit.«

DSS

»Ihr lotet die Grenzen des Machbaren zwar ganz schön aus und ich kann nur für mich selbst sprechen, aber dies ist wahrlich eine großartige Aktion.«

Constantin Huber

»Für sehr viele wäre es natürlich schön bequem, wenn die Toten weiterhin weit weg sind.«

Katrin Wohlgemuth

»Ausgerechnet diejenigen, die die Verantwortung dafür tragen, dass die Toten irgendwo namenlos verscharrt werden, nennen eure Aktion pietätlos!«

Hunter Thompson

»Ich war gerade in Berlin und habe mich sofort angesprochen gefühlt. Es war ein sehr würdiges Begräbnis – der Skandal ist, dass es überhaupt stattfinden musste.«

Viktoria von Schirach

»Ich habe lange überlegt, was ich von dieser Aktion halten soll, aber am Ende geht es doch nur um die Frage: Was ist perverser, eine Inszenierung, die an die Schmerzgrenzen von Geschmack und Pietät geht, oder der Zynismus der europäischen Flüchtlingspolitik, die das Leid von Abertausenden ignoriert, ihren Tod billigend in Kauf nimmt und totschweigt? Das ZPS hat es geschafft, die Verlogenheit und Doppelmoral unserer gesellschaftlichen Werte aufzuzeigen. Warum wird die Würde der Toten verteidigt und die der Lebenden mit Füßen getreten?«

Stefan Helms 

»Jetzt kommen die Opfer der unsichtbaren Mauer, die Europa umgibt, in unserer Gegenwart an – buchstäblich.«

Kurt Maurer

»Diese Aktion bringt Licht ins Dunkel, ans Licht, was andere gerne im Dunkeln ließen.«

Frank Becker

Mobirise

Fragen 

1. Was ist eine Leiche?

Man spricht von einer Leiche, wenn die vitalen Funktionen ausgesetzt sind, der Zusammenhang von Gewebe aber noch vorhanden ist. Sobald der Verwesungsprozess diesen Zusammenhang auflöst, spricht man medizinisch gesehen nicht mehr von einer Leiche. 


2. Welchen Prozess durchläuft eine Leiche?

Durch den Verwesungsprozess „verfällt“ eine Leiche mit der Zeit. Bakterien und Mikroorganismen zersetzen zunächst das weiche und später das harte Gewebe. Eine Leiche, die schon beigesetzt wurde, verfällt, abhängig von Bodenbeschaffenheit, Temperatur und anderer äußerer Einflüsse in 10-15, in lehmhaltigen Böden nach 50 Jahren. 


3. Wie verhält sich ein toter Körper in Salzwasser? 

Über diese Frage haben wir mit einer ganzen Reihe von Gerichtsmedizinern und Forensikern an Instituten in Leipzig, Hamburg und Berlin gesprochen. Aus den Antworten hat sich ein kongruentes Bild ergeben: Ein toter Körper geht schnell unter und verschwindet spurlos. Am Meeresgrund wird er durch Tierfraß und Mikroorganismen zersetzt. Der ganze Körper inklusive Knochen löst sich komplett auf. Oft schon binnen weniger Tage. Alle Experten waren sich einig, dass deshalb die Dunkelziffer von Verstorbenen im Mittelmeer weit höher sein muss als vermutet.


4. Was passiert mit Menschen, die tot in Italien ankommen?

Die Behörden in Italien sind überfordert, die Friedhöfe völlig überfüllt. Dieser Zustand gilt für verstorbene Italiener ebenso wie für Geflüchtete. Die Toten werden aus dem Mittelmeer direkt auf freie Kühlzellenplätze in verschiedenen Kommunen verteilt. Bis zu mehreren Monaten müssen die Verunglückten aufeinander gestapelt auf einen Bestattungsplatz warten. Da die Gemeinden für die Bestattungskosten aufkommen müssen, sind die Beerdigungen sehr schlicht gehalten. In der Nähe von Catania auf Sizilien liegen zahlreiche Körper monatelang in Aufbewahrungszellen. 2014 beschwert sich der Bürgermeister einer sizilianischen Gemeinde darüber, dass der städtische Friedhof nur zwei Kühlzellen besitze. Diese seien, so der Bürgermeister, ständig belegt und aufgrund der vielen neuen Leichen nicht ausreichend. 

Wir haben über ein halbes Jahr Bürgermeister, Kommunen, Friedhofsverwaltungen und Pfarrer auf Sizilien kontaktiert, um diesen Prozess zu verstehen. Dabei stießen wir auf eine Mauer des Schweigens. Unzählige Telefonhörer, die abrupt aufgelegt wurden. Abstreiten und gespielte Ahnungslosigkeit. Die Aufforderung, bitte nicht erneut anzurufen. Dieses Verhalten machte uns misstrauisch. Warum so wenig Transparenz und Offenheit? Ein in sich geschlossenes System mit Fehlern, die nicht an die Öffentlichkeit geraten sollen?


5. Werden die Toten identifiziert?

Nein, viele Verstorbene sind nur eine Nummer. Sie werden unbekannt begraben ohne Angehörige, ohne Freunde. Die Heimatländer und Angehörigen werden weder ermittelt, noch verständigt. Zwar wurde ein Sonderbeauftragter für verschwundene Personen vom Innenministerium installiert, allerdings kümmert der sich hauptsächlich um italienische Vermisste. Offizielle Partnerorganisationen des Sonderbeauftragten agieren ebenfalls nur auf nationaler Ebene und haben mit Flüchtlingen und der Situation im Mittelmeer nichts zu tun. Ein schwerer Verstoß gegen die Würde des Menschen sei es, so urteilte ein deutsches Oberverwaltungsgericht am 29.4.2008 (NRW, 19 A 3665/06), ohne Benachrichtigung der Angehörigen zu bestatten. Das Recht von Angehörigen auf Totenfürsorge genießt Verfassungsrang. 


6. Aber es werden doch DNA-Proben entnommen?

Wir haben uns gefragt, ob DNA-Proben systematisch von jedem Verstorbenen entnommen werden. Über Jahrzehnte hinweg wurden alle Opfer der Grenzabschottung unbekannt begraben, keine DNA-Proben, keine Hoffnung für Hinterbliebene, je Sicherheit zu erhalten, was mit ihren Angehörigen passiert ist. Nach einem Bootsunglück am 3. Oktober 2013 wurde der Ruf nach genetischer Erfassung lauter. Wie die Situation heute tatsächlich ist, ist unklar. Viele Behörden behaupten, dass DNA-Proben entnommen würden, viele NGOs zweifeln diese Aussage an. Fest steht, dass die Auswertung und der Abgleich von DNA-Material Jahre dauert. In der Zwischenzeit werden die Menschen weiter nur als Nummer begraben, oft auf sogenannten Friedhöfen der „Namenlosen“. Auch große Organisationen wie das Internationale Rote Kreuz werden nur tätig, wenn eine Anfrage mit DNA-Proben von Angehörigen aus dem Herkunftsland gestellt wird.


7. Wie werden die Menschen bestattet?

Nachdem viele Verstorbene monatelang in Kühlzellen lagen, werden sie bestattet. Ohne Anwesenheit der Angehörigen. Sehr einfach und ohne Blumen. Eine Bestattung nach Gepflogenheiten ihrer Religion und Kultur findet nicht statt, sagen Vertreter verschiedener Gemeinden. In Griechenland werden verstorbene Flüchtlinge muslimisch bestattet, auch wenn unter den eritreischen Flüchtlingen viele Christen sind, in Italien werden Muslime oft christlich bestattet – mit Priestern, die Weihrauch über den Särgen verteilen. Im Jahr 2013 beschwerte sich die eritreische Gemeinde über den Zustand und forderte den italienischen Staat auf, die Leichname freizugeben, um sie nach Eritrea zu überführen. Nichts passierte, die bürokratischen Hürden seien unüberbrückbar.


8. Wer sammelt die Namen der verstorbenen Geflüchteten?

Unsere Recherchen haben gezeigt, dass die Dunkelziffer der Toten im Mittelmeer viel höher sein muss, als allgemein angenommen. Es gibt keine offizielle Stelle, die Namen der Verstorbenen sammelt und wenn doch, dann unzugänglich für die Öffentlichkeit. Journalisten und Journalistinnen leisten in der Namensdokumentation einen großen Beitrag. UNITED ist eine NGO, die länderübergreifend Medienberichte auswertet und eine Liste mit Namen und Merkmalen von verunglückten Flüchtlingen im Mittelmeer zusammenträgt.


9. Wie werden die Angehörigen ermittelt? 

In Italien gar nicht. Es werden DNA-Proben entnommen. Nur wenn die Angehörigen in den Heimatländern ebenfalls DNA-Proben abgeben, können diese überhaupt abgeglichen werden.


10. Wie werden Flüchtlinge an der griechischen EU-Außengrenze beerdigt?

Im August 2010 wurde ein Massengrab mit über 200 Leichen in den Bergen von Sidiro entdeckt. Frauen, Kinder und Männer, die beim Übertritt der schwer bewachten türkisch-griechischen Grenze gestorben sind. Obwohl der Auftrag der Bezirksregierung eine Waschung und Beerdigung der Verstorbenen nach muslimischen Gebräuchen vorsieht, verscharrte der Beerdigungsunternehmer die Leichname entlang eines Sandweges in einem unzugänglichen und vollkommenen unbezeichneten Gelände in der Nähe der Stadt Sidiro. So geht Europa mit seinen Toten um. Danach wurde der Wegesrand zu einem offiziellen Flüchtlingsfriedhof legalisiert, auf dem mittlerweile weit über 450 Tote liegen.


11. Wie schnell muss eine Leiche nach Eintreffen des Todes bestattet werden?

Dazu gibt es im deutschen Bestattungsgesetz keine Angaben. Eine Leiche darf frühestens 48 Stunden nach Todeseintritt bestattet werden, die Grenze nach Hinten ist gesetzlich nicht festgelegt.


12. Was passiert mit Vermissten im Ausland?

Das Auswärtige Amt empfiehlt, zunächst eine Vermisstenanzeige bei der örtlichen Polizeidienststelle aufzugeben. Nach Aussage des BKA können deutsche Staatsangehörige, die im Ausland leben oder sich dort als Touristen aufhalten, im Ausland als vermisst gemeldet werden. In diesen Fällen wird das Bundeskriminalamt über die jeweilige deutsche Auslandsvertretung (Botschaft oder Konsulat) oder die Interpol-Dienststelle des Landes informiert. Die Vermisstenstelle des Bundeskriminalamts setzt die für den Wohnsitz zuständige deutsche Polizeidienststelle über diesen Vermisstenfall in Kenntnis und bittet um entsprechende Überprüfungen. Kann der Aufenthaltsort des Vermissten nicht festgestellt werden, erfolgt die weitere Sachbearbeitung durch die zuständige deutsche Polizeidienststelle. Sie erhebt u.a. Identifizierungsmaterial (Fotos, Fingerabdrücke, Zahnschema) des Vermissten und stellt dies über das Landeskriminalamt und BKA der ausländischen Interpol-Dienststelle zur Verfügung. Gegebenenfalls werden noch weitere Staaten durch das Bundeskriminalamt in die Fahndung nach der vermissten Person einbezogen. 


13. Was passiert, wenn ein toter Deutscher im Ausland gefunden wird?

Nach der Leichenschau durch den Arzt, wird der Tod der zuständigen örtlichen Behörde gemeldet, meist ist das das Standesamt. Bei allen Todesfällen von Deutschen im Ausland wird außerdem das Standesamt I in Berlin benachrichtigt. Es kann sein, dass die örtliche Polizei direkt die Angehörigen unterrichtet oder dass sie diese Aufgabe an die deutsche Auslandsvertretung abgibt, welche die zuständige deutsche Polizeibehörde informiert.

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