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Frequently Asked Questions

FAQs

1. Was ist eine Leiche?

Man spricht von einer Leiche, wenn die vitalen Funktionen ausgesetzt sind, der Zusammenhang von Gewebe aber noch vorhanden ist. Sobald der Verwesungsprozess diesen Zusammenhang auflöst, spricht man medizinisch gesehen nicht mehr von einer Leiche. 


2. Welchen Prozess durchläuft eine Leiche?

Durch den Verwesungsprozess „verfällt“ eine Leiche mit der Zeit. Bakterien und Mikroorganismen zersetzen zunächst das weiche und später das harte Gewebe. Eine Leiche, die schon beigesetzt wurde, verfällt, abhängig von Bodenbeschaffenheit, Temperatur und anderer äußerer Einflüsse in 10-15, in lehmhaltigen Böden nach 50 Jahren. 


3. Wie verhält sich ein toter Körper in Salzwasser? 

Über diese Frage haben wir mit einer ganzen Reihe von Gerichtsmedizinern und Forensikern an Instituten in Leipzig, Hamburg und Berlin gesprochen. Aus den Antworten hat sich ein kongruentes Bild ergeben: Ein toter Körper geht schnell unter und verschwindet spurlos. Am Meeresgrund wird er durch Tierfraß und Mikroorganismen zersetzt. Der ganze Körper inklusive Knochen löst sich komplett auf. Oft schon binnen weniger Tage. Alle Experten waren sich einig, dass deshalb die Dunkelziffer von Verstorbenen im Mittelmeer weit höher sein muss als vermutet.


4. Was passiert mit Menschen, die tot in Italien ankommen?

Die Behörden in Italien sind überfordert, die Friedhöfe völlig überfüllt. Dieser Zustand gilt für verstorbene Italiener ebenso wie für Geflüchtete. Die Toten werden aus dem Mittelmeer direkt auf freie Kühlzellenplätze in verschiedenen Kommunen verteilt. Bis zu mehreren Monaten müssen die Verunglückten aufeinander gestapelt auf einen Bestattungsplatz warten. Da die Gemeinden für die Bestattungskosten aufkommen müssen, sind die Beerdigungen sehr schlicht gehalten. In der Nähe von Catania auf Sizilien liegen zahlreiche Körper monatelang in Aufbewahrungszellen. 2014 beschwert sich der Bürgermeister einer sizilianischen Gemeinde darüber, dass der städtische Friedhof nur zwei Kühlzellen besitze. Diese seien, so der Bürgermeister, ständig belegt und aufgrund der vielen neuen Leichen nicht ausreichend. 

Wir haben über ein halbes Jahr Bürgermeister, Kommunen, Friedhofsverwaltungen und Pfarrer auf Sizilien kontaktiert, um diesen Prozess zu verstehen. Dabei stießen wir auf eine Mauer des Schweigens. Unzählige Telefonhörer, die abrupt aufgelegt wurden. Abstreiten und gespielte Ahnungslosigkeit. Die Aufforderung, bitte nicht erneut anzurufen. Dieses Verhalten machte uns misstrauisch. Warum so wenig Transparenz und Offenheit? Ein in sich geschlossenes System mit Fehlern, die nicht an die Öffentlichkeit geraten sollen?


5. Werden die Toten identifiziert?

Nein, viele Verstorbene sind nur eine Nummer. Sie werden unbekannt begraben ohne Angehörige, ohne Freunde. Die Heimatländer und Angehörigen werden weder ermittelt, noch verständigt. Zwar wurde ein Sonderbeauftragter für verschwundene Personen vom Innenministerium installiert, allerdings kümmert der sich hauptsächlich um italienische Vermisste. Offizielle Partnerorganisationen des Sonderbeauftragten agieren ebenfalls nur auf nationaler Ebene und haben mit Flüchtlingen und der Situation im Mittelmeer nichts zu tun. Ein schwerer Verstoß gegen die Würde des Menschen sei es, so urteilte ein deutsches Oberverwaltungsgericht am 29.4.2008 (NRW, 19 A 3665/06), ohne Benachrichtigung der Angehörigen zu bestatten. Das Recht von Angehörigen auf Totenfürsorge genießt Verfassungsrang. 


6. Aber es werden doch DNA-Proben entnommen?

Wir haben uns gefragt, ob DNA-Proben systematisch von jedem Verstorbenen entnommen werden. Über Jahrzehnte hinweg wurden alle Opfer der Grenzabschottung unbekannt begraben, keine DNA-Proben, keine Hoffnung für Hinterbliebene, je Sicherheit zu erhalten, was mit ihren Angehörigen passiert ist. Nach einem Bootsunglück am 3. Oktober 2013 wurde der Ruf nach genetischer Erfassung lauter. Wie die Situation heute tatsächlich ist, ist unklar. Viele Behörden behaupten, dass DNA-Proben entnommen würden, viele NGOs zweifeln diese Aussage an. Fest steht, dass die Auswertung und der Abgleich von DNA-Material Jahre dauert. In der Zwischenzeit werden die Menschen weiter nur als Nummer begraben, oft auf sogenannten Friedhöfen der „Namenlosen“. Auch große Organisationen wie das Internationale Rote Kreuz werden nur tätig, wenn eine Anfrage mit DNA-Proben von Angehörigen aus dem Herkunftsland gestellt wird.


7. Wie werden die Menschen bestattet?

Nachdem viele Verstorbene monatelang in Kühlzellen lagen, werden sie bestattet. Ohne Anwesenheit der Angehörigen. Sehr einfach und ohne Blumen. Eine Bestattung nach Gepflogenheiten ihrer Religion und Kultur findet nicht statt, sagen Vertreter verschiedener Gemeinden. In Griechenland werden verstorbene Flüchtlinge muslimisch bestattet, auch wenn unter den eritreischen Flüchtlingen viele Christen sind, in Italien werden Muslime oft christlich bestattet – mit Priestern, die Weihrauch über den Särgen verteilen. Im Jahr 2013 beschwerte sich die eritreische Gemeinde über den Zustand und forderte den italienischen Staat auf, die Leichname freizugeben, um sie nach Eritrea zu überführen. Nichts passierte, die bürokratischen Hürden seien unüberbrückbar.


8. Wer sammelt die Namen der verstorbenen Geflüchteten?

Unsere Recherchen haben gezeigt, dass die Dunkelziffer der Toten im Mittelmeer viel höher sein muss, als allgemein angenommen. Es gibt keine offizielle Stelle, die Namen der Verstorbenen sammelt und wenn doch, dann unzugänglich für die Öffentlichkeit. Journalisten und Journalistinnen leisten in der Namensdokumentation einen großen Beitrag. UNITED ist eine NGO, die länderübergreifend Medienberichte auswertet und eine Liste mit Namen und Merkmalen von verunglückten Flüchtlingen im Mittelmeer zusammenträgt (http://www.unitedagainstracism.org/pdfs/listofdeaths.pdf ).


9. Wie werden die Angehörigen ermittelt? 

In Italien gar nicht. Es werden DNA-Proben entnommen. Nur wenn die Angehörigen in den Heimatländern ebenfalls DNA-Proben abgeben, können diese überhaupt abgeglichen werden.


10. Wie werden Flüchtlinge an der griechischen EU-Außengrenze beerdigt?

Im August 2010 wurde ein Massengrab mit über 200 Leichen in den Bergen von Sidiro entdeckt. Frauen, Kinder und Männer, die beim Übertritt der schwer bewachten türkisch-griechischen Grenze gestorben sind. Obwohl der Auftrag der Bezirksregierung eine Waschung und Beerdigung der Verstorbenen nach muslimischen Gebräuchen vorsieht, verscharrte der Beerdigungsunternehmer die Leichname entlang eines Sandweges in einem unzugänglichen und vollkommenen unbezeichneten Gelände in der Nähe der Stadt Sidiro. So geht Europa mit seinen Toten um. Danach wurde der Wegesrand zu einem offiziellen Flüchtlingsfriedhof legalisiert, auf dem mittlerweile weit über 450 Tote liegen.


11. Wie schnell muss eine Leiche nach Eintreffen des Todes bestattet werden?

Dazu gibt es im deutschen Bestattungsgesetz keine Angaben. Eine Leiche darf frühestens 48 Stunden nach Todeseintritt bestattet werden, die Grenze nach Hinten ist gesetzlich nicht festgelegt.


12. Was passiert mit Vermissten im Ausland?

Das Auswärtige Amt empfiehlt, zunächst eine Vermisstenanzeige bei der örtlichen Polizeidienststelle aufzugeben. Nach Aussage des BKA können deutsche Staatsangehörige, die im Ausland leben oder sich dort als Touristen aufhalten, im Ausland als vermisst gemeldet werden. In diesen Fällen wird das Bundeskriminalamt über die jeweilige deutsche Auslandsvertretung (Botschaft oder Konsulat) oder die Interpol-Dienststelle des Landes informiert. Die Vermisstenstelle des Bundeskriminalamts setzt die für den Wohnsitz zuständige deutsche Polizeidienststelle über diesen Vermisstenfall in Kenntnis und bittet um entsprechende Überprüfungen. Kann der Aufenthaltsort des Vermissten nicht festgestellt werden, erfolgt die weitere Sachbearbeitung durch die zuständige deutsche Polizeidienststelle. Sie erhebt u.a. Identifizierungsmaterial (Fotos, Fingerabdrücke, Zahnschema) des Vermissten und stellt dies über das Landeskriminalamt und BKA der ausländischen Interpol-Dienststelle zur Verfügung. Gegebenenfalls werden noch weitere Staaten durch das Bundeskriminalamt in die Fahndung nach der vermissten Person einbezogen. 


13. Was passiert, wenn ein toter Deutscher im Ausland gefunden wird?

Nach der Leichenschau durch den Arzt, wird der Tod der zuständigen örtlichen Behörde gemeldet, meist ist das das Standesamt. Bei allen Todesfällen von Deutschen im Ausland wird außerdem das Standesamt I in Berlin benachrichtigt. Es kann sein, dass die örtliche Polizei direkt die Angehörigen unterrichtet oder dass sie diese Aufgabe an die deutsche Auslandsvertretung abgibt, welche die zuständige deutsche Polizeibehörde informiert.